Aschau – Wenn sich die Bibliothek auf Schloss Hohenaschau öffnet, dann muss es ein besonderer Anlass sein. Und das war es auch: Anlässlich des Jubiläumsjahres 150 Jahre Familie Cramer-Klett hatte die Kulturbühne Aschau in die dortige Bibliothek eingeladen.
Die Veranstaltung entführte in die Zeit um 1900: Die beiden Autorinnen Wilhelmine von Hillern und Charlotte Lady Blennerhassett weilten auf Einladung von Theodor von Cramer-Klett junior in Schloss Hohenaschau. Schauspielerin Antonia Gottwald las aus den Erinnerungen von Ludwig Benedikt Freiherr von Cramer-Klett (1906 bis 1985), Kunsthistorikerin Michaela Thomas ordnete diese Erinnerungen historisch ein und Oboeist Hansjörg Schellenberger sorgte mit Improvisationen aus Klassik und Filmmusik für die musikalische Unterhaltung.
Zwei sehr
verschiedene Damen
Man sah förmlich die beiden Damen vor sich, wenn man den Ausführungen Benedikts – unübertrefflich hier deklamierend Antonia Gottwald – lauschte: „Schwer und unbeweglich“ war Wilhelmine von Hillern (1836 bis 1916) im Alter, Lady Charlotte Blennerhassett (1843 bis 1917) hingegen „hager, im hochgeschlossenen schwarzen Kleid, eine vierfache Goldkette, an der ein Lognon, ein goldener Bleistift und ein goldenes Federmeser hingen“.
Umso berührter war man, als Michaela Thomas auf das Leben der beiden Damen einging. Um den Schein zu wahren, sollte Wilhelmine ihren unehelich gezeugten Sohn als Frühgeburt deklarieren, der aber wohl 13 Tage nach seiner Geburt an Unterernährung starb. Entsetztes Raunen im Publikum, als Michaela Thomas aus einem Briefwechsel der Mutter Wilhelmines, Charlotte Birch-Pfeiffer, mit deren Ehemann zitierte: „Das Kind ist tot, die Ehre ist gerettet.“ 1875 schrieb Wilhelmine, allein inspiriert von einem Bild, den Roman „Die Geierwally,“ ein Werk, das schon kurz nach seinem Erscheinen in acht Sprachen übersetzt wurde. Ihr Werk „Am Kreuz“ (1890) wurde hingegen in Oberammergau verrissen: Das sei fremde Einmischung. Charlotte musste ihre Kinder in Irland zurücklassen, wirkte – ab 1886 zurück in München – als Schriftstellerin und Historikerin. Ihre Biografien beispielsweise über Madame de Stael galten bis weit ins 20. Jahrhundert wegweisend. Als zweite Frau überhaupt bekam sie nach Therese von Bayern den Ehrendoktortitel der Ludwig-Maximilians-Universität verliehen. Ob sich die beiden wohlgesonnen waren? Antonia Gottwald ließ Benedikt an eine Begegnung der beiden Damen erinnern. Charlotte war zu Gast in von Hillerns Salon in Hohenaschau, der mit Möbelstoffen aus Chintz und Tapeten mit Rosenmotiven ausgestattet ist: „Jugendlich hast du es ihr eingerichtet…“ Worauf Wilhelmine erwidert: „In der Jugend, meine Liebe, hatten wir die Rosen auf den Wangen. Im Alter muss man sich mit ihnen umgeben, wenn man sie gern hätte.“ Zickenkrieg oder nur die Wahrheit? Das blieb den Zuhörern überlassen.
Die Lesung widmete sich auch der freiherrlichen Familie. Benedikt schildert seinen Vater Theodor Freiherr von Cramer-Klett junior (1874 bis 1938) als Mäzen, Gastgeber, als ironisch-feinsinnigen und fantasievollen Menschen. Er war der reichste Erbe Bayerns, das Schloss war mit modernster Technik ausgestattet. Er sammelte über 19000 Bände an Literatur, wollte aus Herrenchiemsee wieder ein Benediktinerkloster machen, begründete Kloster Ettal wieder, bestätigt die Kunsthistorikerin, war „im Herzen mehr Mönch als Industrieller“. Umso mehr erstaunt da seine ambivalente Haltung gegenüber NS-Größen und dem Antisemitismus.
„Retten, was
zu retten ist“
Und was macht sein Sohn? Er verliert seine Identität, nachdem das Palais in München niedergebrannt und das Schloss Hohenaschau verkauft ist, und will doch nichts mehr „als retten, was zu retten ist“. Er sucht Ruhe und Sinn in den Bergen, in der Jagd und in der Natur, wird Jagdschriftsteller. Kurzweilig unterbrochen von Oboen-Musik ist die Reise durch die Ortsgeschichte, die mit einem philosophischen Exkurs endet.
Was bleibt von einem übrig nach dem Tod? fragt Benedikt. „Vielleicht die Frucht unseres Wirkens.“ Ein tröstlicher Gedanke, der noch lange nachhallt. Was für ein großartiger Dreiklang aus Literatur, Kunsthistorie und Musik.