Unterwegs auf magischer Klangreise

von Redaktion

Jazz-Pianist Abdullah Ibrahim gibt ein betörendes Benefizkonzert in der Aschauer Priental-Halle

Aschau – Abdullah Ibrahim, der Schöpfer des Capetown Jazz, dedizierte seinem Publikum mit „Aschau Blue“ in der Priental-Halle ein besonderes musikalisches Geschenk. „Aschau Blue“ ist Aschau gewidmet, wo er seit vielen Jahren mit seiner Partnerin, einer italienischen Ärztin, wohnt.

„Aschau Blue“ war aber auch ein Benefizkonzert, sämtliche Einnahmen kommen dem Seniorenheim Priental zugute. Denn bei einem Empfang im Aschauer Rathaus anlässlich seines 90. Geburtstages vergangenen Oktober hatte er versprochen, etwas Gutes für seine Gemeinde tun zu wollen.

Dieses Versprechen löste er nun ein, nicht ohne vorab anzumerken, dass es ihm eine Ehre sei, auftreten und auf seinem Lieblingsflügel, einem Fazioli, spielen zu dürfen. Ohne weitere Worte setzte er sich an den Flügel, ließ seine schlanken und langen Hände auf die Tasten sinken.

Aus den ersten zarten Tönen schälte sich eine farbenreiche Erzählmelodie heraus, die sich über gut 50 Minuten weiterspann. Es war eine Reise um die ganze Welt, auf die er sich einst, geboren und aufgewachsen in Kensington, einem der Armenviertel Südafrikas, aufgemacht hat und die ihn über Europa und die USA immer wieder auch nach Südafrika geführt hat. Es war ein nicht enden wollender Erzählfluss, ein verschwenderisch schöner Strom von Melodien und Motiven, in dem melancholisch-schimmernd, versonnen-lyrisch, magisch-betörend Einflüsse aus Blues, christlichen Gesängen und Jazz zusammenkamen.

Bekannte Stücke wie „Trieste my love“, „Blue Bolero“ oder „Capetown District Six“ klangen durch, und doch wurde man nicht müde, dem musikalischen Erzählfluss zu lauschen und sich der spirituellen Kraft hinzugeben.

Abdullah Ibrahims Spiel ist von aufrichtiger Klarheit geprägt. Mal folgt jazzigen Akkorden nur ein Ton, den er bis zum Verebben hält, mal steigern sich gospelartige Melodien von einem sanften p ins f. Mal sind es rhythmische Bassmelodien à la Thelonius Monk mit der linken Hand, die Kontrapunkte für die perlende, frei mäandernde Rechte liefern. Mal sorgen sorgfältig gesetzte Dur-Akkorde für Strukturierung und Ruhe. Alles durchgehend gepaart mit elegantem Anschlag und behutsamem Gebrauch der Pedale. Das sorgte für Spannung, strahlte stille, kontemplative Kraft aus. Eine Kraft, die das Publikum beinahe in meditative Trance versetzte.

Erst nach einer langen Stille flammte schließlich der Applaus auf. Das Publikum erhob sich von seinen Sitzen. Der Künstler konnte sich ob des vielen Lobs ein zart angedeutetes Lächeln nicht verkneifen. Die Forderung nach einer Zugabe wehrte er ab, gab dann aber doch eine Fabel über zwei Elefanten zum Besten. Mit Auszügen aus einem Lied, bei dem es um Schiffe, um die Sklaverei und um Afrika geht, „welcome home… I hope I see my home again some day…,“ beendete Abdullah Ibrahim schließlich das Benefizkonzert.

Bewegende Worte, die das Gefühl von Heimat und vom generationenübergreifenden Miteinander, egal wo auf der Welt, eindrücklich vermittelten. Er selbst, so hatte er einmal in einem Interview mit der Rezensentin betont, wolle nie aufhören Musik zu spielen. Es sei wie bei einem Kreis, der habe schließlich auch kein Ende. Knapp 91 Jahre ist er, ein Alter, in dem sich andere längst aufs Altenteil zurückgezogen haben. Nicht er. Den Harmonien nachhören, jeder Ton gefühlvoll ausgespielt, das war für den Pianisten sichtbare Erquickung und für das Publikum magisch in den Bann ziehender und lange nachhallender musikalischer Genuss. Möge dieser Erzählfluss noch lange nicht versiegen. elk

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