Rosenheim – Der Umgang mit dem Raum steht im Zentrum der aktuellen Ausstellung im Kunstverein Rosenheim in der Klepperstraße. Wie bezieht der oder die Ausstellende die örtliche Gegebenheit mit ein? Faktoren wie Raumgröße und dessen Form, das Licht, mögliche Flächen zur Präsentation fließen in die Überlegungen ein. „Neu Neu“ als Titel der bis 2. November gezeigten Ausstellung trifft es in diesem Fall besonders gut, denn der Künstler Benedikt Gahl hat speziell für den hiesigen Kunstverein ein den fast kompletten Raum ausfüllendes Werk geschaffen.
Gahl lebt und arbeitet in München, sein Schwerpunkt ist die Malerei. Er versucht, Ränder und Grenzen auszuloten in seinen Aktivitäten, bespielt mit anderen Künstlern und Aktionen auch mal eine Münchner Boazn, verlegt selbst Bücher und Tonträger. Studiert hat er an der Akademie der Bildenden Künste München mit Diplom 2008. Malerei sieht er nicht als nostalgisches Medium an, sondern als „dynamisches, innovatives Experimentierfeld, als Austragungsort eines Spiels zwischen Tradition und Hypergegenwart“, so hieß es im Einladungstext.
Für den großen länglichen Raum des Kunstvereins hat Gahl nun ein Riesengemälde geschaffen, das auch an einer großen Hauswand hängen könnte, quasi „Street Art“ als Bodengemälde. Zwei Menschen sind dargestellt, sie „liegen“ gegenläufig mit Kopf und Füßen nebeneinander, ein Baum ist auch zu sehen. Eine Interpretation des Adam-und-Eva-Motives liegt nahe, weitere Darstellungen des Motivs gibt es gerade von Rainer Dillen in der städtischen Galerie zu sehen.
Durch diese Gleichwertigkeit gibt es beim Herumgehen um das Bild daher kein „unten“ oder „oben“ wie sonst bei Gemälden. Den Abschluss des Werks bildet eine große runde und gelbe Scheibe als „Sonne“.
Kunstgeschichtlerin Dr. Olena Balun ging nach Begrüßung durch den Vorsitzenden Bernhard Paul in ihrer Einführung nicht nur auf die enorme Größe des Werkes ein, sondern – selbst passend gelb gewandet – auch auf die Bedeutung von „Gelb“ in der Kunst. Sie zitierte ein Traktat des Synästhetikers Wassily Kandinsky: „Gelb beunruhigt den Menschen, zeigt den Charakter der in der Farbe ausgedrückten Gewalt, die schließlich frech und aufdringlich auf das Gemüt wirkt.“ Danach thematisierte sie die „Paragone“ in der Renaissance, es gab in der Epoche eine Debatte zur „Mehransichtigkeit“ von Kunstwerken: Plastiken könne man von allen Seiten anschauen, Malerei nicht. Benedikt Gahl habe dies jedoch widerlegt. Um von diesem Hauptwerk in Öl und Gouachentechnik im Format 1150 mal 300 Zentimeter mit dem schlichten Titel „Landschaft“ nicht abzulenken, bleiben die Wände hier frei.
Weitere Gemälde von Gahl hängen im Nachbarraum, doch Vorsicht: Der „Baum“ (Öl, Leinwand, 100 mal 80 Zentimeter) steht an der Wand über, bitte nicht daran hängenbleiben. Ein kleineres Bild ist eine Hommage an Paul Gauguin, es sind tänzerische weibliche Figuren („Kapitalismuskritik nein danke“, Öl, Leinwand, 60 Zentimeter). Naturmotive und Ländliches verbinden die Bilder. Sie sind betitelt mit „Vogelwanderungen in Mitteleuropa“ (Öl, Leinwand) oder „Haus“. Indem er an einer Wand eine rote Farbkante stehen lässt, simuliert Gahl eine Ateliersituation, ein kleiner Kunstgriff mit gewissem Effekt. Benedikt Gahl ist eine verblüffende Ausstellung gelungen, vor allem die raumfüllende Installation mit dem Zusammenspiel von Malerei und Plastik. Andreas Friedrich