Ein Konzert intensiv wie ein Roman

von Redaktion

Das Klavierduo „EnsariSchuch“ bei den „Inselkonzerten“

Chiemsee – Sie kennen sich seit über zwei Jahrzehnten. Als Mona Asuka, die künstlerische Leiterin der „Inselkonzerte“ noch Jugendstudentin am Salzburger Mozarteum war, kam sie auch in Kontakt mit Herbert Schuch. Von dem Pianisten, der in Rosenheim aufgewachsen ist, wurde sie damals auch teilweise unterrichtet. Da ist es nur konsequent, dass Herbert Schuch nun bei Mona Asukas „Inselkonzerten“ auf Herrenchiemsee gastierte. Der Termin passte perfekt, zumal Schuch gerade wieder in der Region weilt.

Am Wochenende starteten die diesjährigen Schlosskonzerte Neubeuern, die Schuch künstlerisch verantwortet. Im Bibliothekssaal des Chorherrenstifts auf Herrenchiemsee gastierte er indessen mit seiner Ehepartnerin Gülru Ensari für ein vierhändiges Klavier-Recital. Beim Antalya-Festival 2014 hatten sie ihr offizielles Debüt als Klavierduo.

Für ihr Gastspiel bei den „Inselkonzerten“ haben Schuch und Ensari ein überaus anspruchsvolles Programm geschnürt. Allein die „Große Fuge“ von Ludwig van Beethoven ist geradezu ein Koloss. Ursprünglich als Finalsatz für das Streichquartett op. 130 komponiert, verlangte der Verleger von Beethoven einen neuen Abschluss für das Streichquartett. Die „Große Fuge“ war ihm zu gewaltig, sperrig und komplex.

Tatsächlich sprengt dieses Werk sämtliche Konventionen der damaligen Zeit. Die „Große Fuge“ ist zeitgenössische Musik, wirkt bis heute so revolutionär und kühn wie damals. Sie stellt eine immense Herausforderung dar: nicht nur für die Ausübenden, sondern auch für das Publikum. Die Ausgestaltung von Schuch und Ensari war insofern eine Hilfe, weil die Struktur und Fraktur des Werks geradezu glasklar durchleuchtet wurden.

Man wähnte sich fast schon in der Komponierstube Beethovens, als ob die „Große Fuge“ gerade erst erfunden würde. Zuvor startete das Gastspiel mit der „Fantasie“ D 940 von Franz Schubert. Sie zählt zu den Gipfelwerken der vierhändigen Klavierliteratur. In Schuberts Todesjahr 1828 komponiert, steckt hier alles drin, was seine Musik auszeichnet. Da ließen Schuch und Ensari gleich zu Beginn die Melodie im punktierten Rhythmus mit kantablem Lyrismus sehnen, um sodann hochdramatische Lebensstürme toben zu lassen.

Nicht minder persönlich die „Schumann-Variationen“ op. 23 von Johannes Brahms: Dahinter steckt das berückend schöne Hauptthema der „Geister-Variationen“, die Robert Schumann kurz vor seiner Einweisung in die Psychiatrie niedergeschrieben hatte. Es ist eine besondere, intime Würdigung, die Brahms seinem Freund 1861 machte: samt einem Trauermarsch am Ende.

Schuch und Ensari drückten nicht zusätzlich auf die Tränendrüse. Hier wurde keine sentimentale Larmoyanz zur Schau gestellt, sondern nobel verinnerlicht. Im „Bolero“ von Maurice Ravel steigerte das Duo die Musik zu einem echten Horrorroman, fast schon so abgründig wie Ravels „La Valse“. Stürmischer Beifall im restlos ausverkauften Bibliothekssaal: Mit Astor Piazzollas „Libertango“ und dem ersten „Ungarischen Tanz“ von Brahms gab es gleich zwei Zugaben. Auch die kleine Tochter von Schuch und Ensari ging total ab. Marco Frei

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