Rosenheim – Wabernde Klaviertöne verhallen im dunklen Theatersaal, Eiswürfel klirren in Aperol-Spritz-Gläsern, Pärchen stecken im Publikum die Köpfe zusammen. Dann geht es los – Prolog: „Danke. Also Danke fürs Kommen.“ Ein junger, hipper Künstler (Daniel Stofft), schnelle Brille mit roten Gläsern, begrüßt zu einer Vernissage – und damit das Publikum der Theaterinsel. „Falls Sie wegen der Gratisbrötchen hier sind, dann können Sie auch gleich wieder aufstehen und gehen.“ Schade. Aber natürlich steht niemand auf und geht. Dieser Prolog eröffnet einen Abend in der Theaterinsel, der noch oft augenzwinkernd-selbstreferenziell sein wird.
Schon die Eingangsszene lädt das Publikum zu einer intensiven Auseinandersetzung ein: mit den Figuren, mit dem Autor (schlau, dass der im Prolog Ingeborg Bachmann bemüht: „Ein Künstler kann nie mehr über sein Werk sagen als das Werk selbst“). Auch mit sich selbst. Denn zwischenmenschliche Beziehungen, das ist ein Thema, das ja wohl so ziemlich die ganze Menschheit betrifft.
Generation
beziehungsunfähig
Auch Eli und Nico (Pia Niederecker und Simon Baumann), beide irgendwo zwischen Gen Z und Millenials, die oft so bezeichnete „Generation beziehungsunfähig“ also, die im Fokus der Handlung von „Schmelzwasser“ stehen. In weiße Bettlaken gewickelt kommen sie auf die Bühne – eine Schlafzimmer-Szene. Kein langes Vorspiel, stattdessen: „Soll ich es dir noch mit der Hand machen?“ Sperrig und laut knallt dieser erste Satz von Simon Baumann auf die Bühne. Es folgt ein zackiger Schlagabtausch mit Eli alias Pia Niederecker, der klar macht: Sie ist nicht gekommen, will von Sex jetzt aber auch nichts mehr wissen, sich lieber rasch anziehen. Szenen einer Beziehung. Ein maximal privater Moment, ein Dialog, der extrem schnell (vielleicht etwas zu schnell, mehr Pausen vor allem bei Baumann wären wünschenswert gewesen) zum Punkt kommt: Hier sind zwei zusammen, die das vielleicht gar nicht mehr sein wollen. Zumindest nicht so.
Denn nicht mal eine Minute nach dem Prolog wird er etabliert, der springende Punkt: „Fragst du dich eigentlich manchmal, ob es mit jemand anderem besser wäre?“, will Nico wissen. Schon, befindet Eli. Nach vier Jahren Zweisamkeit beschließen die beiden also, es zu versuchen. Sie wollen ihre Beziehung öffnen, andere küssen, irgendwann – aber nur, wenn die Eifersucht auszuhalten ist – auch mit anderen schlafen. Ohne Gefühle. Aus Neugier.
So ziehen sie los, in den Großstadtdschungel Wiens, wo die Handlung lose verortet ist. Und wo es nicht lang dauert, bis Eli und Nico Gleichgesinnte finden. Auftritt: Jeremias und Maya (gespielt von Daniel Stofft und Alena Lendaro). Er, der hippe Fotograf. Sie, Woodstock-Klamotte, alternativ und offen. Eine ganz erfrischende Ergänzung zu Eli, die Pia Niederecker zwar gekonnt mit eher klassischer Bühnensprache gibt, die aber gern mehr in einen lockeren Alltagssprech wechseln dürfte, und Nico, den Simon Baumann als emotional unerreichbaren, etwas klotzigen Männer-Typ spielt.
Stofft und Lendaro entlocken vor allem in den Dialogszenen von Eli und Jeremias sowie Nico und Maya ihren Spielpartnern eine natürliche Leichtfüßigkeit, die vom Publikum mit vielen Lachern quittiert wird. Mehr und mehr fällt dabei auf, dass zwischen Eli und Nico wenig Zuneigung und Intimität herrscht. Das Gefühl, dass die beiden eine Beziehung führen, die es zu bewahren gilt, stellt sich – von der Regisseurin beabsichtigt? – leider nicht so recht ein. Wobei der Bühnentext, der in schneller Abfolge Dialog-Szenen aneinanderreiht, es den Schauspielenden auch nicht ganz leicht macht, ein Gefühl von Nähe aufzubauen.
Autor Emil Kaschka (Jahrgang 1996) lässt in seinem zweiten Bühnentext – den ersten, „Bruder Jakob“, adaptierte die Theaterinsel bereits 2023 – nämlich auf jede seiner Szenen einen schnellen Black folgen. Eher wie Dias oder Fotografien wirken die Momente dadurch. Die Sprache erinnert an Poetry Slam, was dazu passt, dass der Autor amtierender Vize-Weltmeister im Poetry Slam ist. Die Erzähltechnik ist eher filmisch, was dazu passt, dass der Autor inzwischen in Wien an der Filmakademie Drehbuch und Regie studiert. Die Bilder in „Schmelzwasser“ wechseln zwischen Wohnküche, WG-Party und U-Bahn. Und die Inszenierung von Gabriela Schmidt verzichtet darauf, diese Kulissen allzu naturalistisch darzustellen.
Zwei Bartische, ein paar Stühle, eine schwarze Schiefertafel, auf die die Figuren mit Kreide den aktuellen Schauplatz kritzeln – das genügt. Ein absichtlich wie hingeworfen aussehendes Bühnenbild, gleich einer Probebühne, die gut zu den schnellen Szenenwechseln passt und kaum Umbau erfordert. Auch, wenn man sich ein bisschen mehr Bühne durchaus hätte vorstellen können, trist wirkt das Szenario dadurch schon etwas. Umso stärker ist dafür die lichttechnische Inszenierung von Daniel Burton und Oliver Heinke, die perfekt das kalte Weiß einer U-Bahn oder das dunstige Blau einer WG-Party widerspiegelt. Auch die Musik von Franziska Reuter und Ludwig Herrmann, die an Bands wie The XX erinnert und minimalistische Übergänge zwischen Szenen herstellt, unterstützt das gut.
Am Ende kommt „Schmelzwasser“ zu seinem Siedepunkt. Die vier Figuren treffen in einer – der einzigen! – Vierer-Szene aufeinander. Erhitzte Gemüter, brodelndes Temperament, menschliches Schmelzwasser. Erst wirkt das lustig, Paar-Satire nach dem Vorbild einer Yasmina Reza. Aber bald wirkt es bedrückend. Eli geht auf in dem neuen Beziehungsmodell, Nico hat Zweifel. „Ihm macht die Freiheit Angst. Vielleicht weil sie ihm Sicherheit nimmt“, muss sie schließlich feststellen.
Publikum blickt
in den Spiegel
Das Publikum hat schon eine ganze Weile nicht mehr gelacht, stattdessen aufmerksam zugehört. Vielleicht in den Spiegel geblickt, große Fragen nach eigenen Bedürfnissen oder Zwischenmenschlichkeit für den Heimweg eingepackt. Nicht nur das Eis in den Aperol-Spritz-Gläsern ist am Ende des Abends geschmolzen. „Das Alte ist geschmolzen“, diagnostiziert der Epilog. Es ist einem Zwischenstadium gewichen, dem der Veränderung. Einem, das vielleicht weh tut oder andere Gefühle mit sich bringt. Aber einem Stadium des intensiven Fühlens, das auf jeden Fall. Katharsis. Davon ein Stückchen mit heim nehmen zu dürfen, das ist der große Verdienst dieses Theaterabends.