Rosenheim – Das nächste Konzert des südostbayerischen Tonkünstlerverbandes am Sonntag, 19. Oktober, im Künstlerhof steht unter dem Motto „Komponisten, besonders aber Komponistinnen in Bayern“. Die Reihe geht dabei von Christoph Willibald Gluck bis zu dem in Brannenburg lebenden Roland Leistner-Mayer, der heuer seinen 80. Geburtstag feiert. Besonders erwähnenswert sind aber zwei Komponistinnen. Dazu erzählt der Komponist Walther Prokop, der das Konzert moderieren wird, wer diese sind und wie ihre Musik klingt. Weil wir befreundet sind, wählen wir das vertrauliche „Du“.
Lieber Walther, im Konzert werden also lauter Werke von Komponisten „aus Bayern“ gespielt?
Ja, angefangen von Christoph Willibald Gluck, geboren 1714, bis Patrick Pföß, geboren 1981. Mir kommt es immer komisch vor, wenn man von „neuer Musik“ spricht. Ich glaube, darüber sind wir hinaus: Ganz selbstverständlich sollte das sein! Dann merkt man auch, dass manches gar nicht so wild ist, wie man meint.
Christoph Willibald Gluck und Richard Strauss muss man ja nicht mehr vorstellen. Den Münchner Komponisten Franz Lachner vielleicht schon.
Er war zu seiner Zeit – er hat gelebt von 1803 bis 1890 – fruchtbar kreativ und erfolgreich. Er kommt mir vor wie ein auf etwas niedrigerer Stufe stehender Joseph Rheinberger. Man lächelt manchmal etwas über seine schlichte Biederkeit.
Über zwei Damen, die in Bayern gewirkt haben, müssen wir besonders sprechen: Josefine Caroline Lang und Dora Pejacevic.
Josefine Lang war eine echte Bayerin, ist 1815 in München geboren und 1880 in Tübingen gestorben, wohin sie mit ihrem Mann gezogen war. Sechs Kinder haben ihre kompositorische und pianistische Tätigkeit gebremst, erst als der Mann gestorben war, konnte, ja musste sie wieder komponieren und konzertieren, um die Familie über Wasser zu halten. Felix Mendelssohn Bartholdy war von ihr entzückt und hat bewirkt, dass ihre ersten Lieder gedruckt worden sind. Sie war durchaus erfolgreich, hat in einer Liga mit Fanny Mendelssohn und Clara Schumann gewirkt: eine der ganz prominenten Musikerinnen ihrer Zeit.
Trotzdem ist sie völlig vergessen.
Ja, wahrscheinlich wegen einer gewissen damals nicht empfundenen Harmlosigkeit, vermute ich.
Im Konzert spielt Rebekka Höpfner zwei Klavierstücke von ihr.
Ein „Lied ohne Worte“ – wahrscheinlich von Mendelssohn angeregt.
Und eine Mazurka – hatte sie Chopin gekannt?
Sicherlich!
Jetzt zu Dora Pejacevic, einer kroatische Gräfin.
Sie ist in Ungarn 1885 geboren und 1923 in München gestorben. Ich hatte den Namen noch nie gehört. In dem vierbändigen „Metzler Musiklexikon steht sie nicht drin. Sie ist erst in den 1980er-Jahren wiederentdeckt worden durch die Frauenbewegung. Aber es ist keine „Frauenmusik“, sondern es ist Musik!
In dem ausführlichen Wikipedia-Artikel steht, dass ihre Musik etwa wie die von Rachmaninow klinge.
Ja, es ist eigentlich Fin-de siècle-Musik, romantisch bzw. spätromantisch. Wir werden zwei Sätze aus einer Violinsonate von ihr hören.
Auf dem Programm stehen auch Stücke von Jan Koetsier und Herbert Baumann.
In meiner Jugendzeit wurde Jan Koetsier im Bayerischen Rundfunk rauf und runter gespielt. Die Musik war mir damals nicht so nahestehend. Herbert Baumann wäre jetzt 100 Jahre alt geworden, war unglaublich fruchtbar, hat Filmmusik geschrieben, auch seine absoluten Stücke haben so etwas Anschauliches, direkt Zupackendes: also keine Avantgardegefahr. Aber einfallsreich!
Apropos einfallsreich: Wir hören ein Stück für Mandoline.
Es war ein Auftragsstück für eine damals berühmte Mandolinenprofessorin. Er hat die besonderen klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments ausgereizt.
Roland Leistner-Mayer …
… ist gerade 80 Jahre alt geworden …
… lebt in Brannenburg und ist also ein geografisch ganz naher Komponist.
Er lebt ziemlich zurückgezogen und scheut die großen Auftritte. Er komponiert fast schwindelnd fruchtbar in seiner Klause. Jedoch ist er kein Vielschreiber, sondern überlegt alles genau und bedächtig und setzt sich sehr mit dem Instrument, für das er schreibt, auseinander. Aber es ist immer ganz charakteristisch: es ist immer ein Leistner-Mayer! „Zu gut, um nicht gespielt zu werden!“ zitiere ich in meiner Moderation. Wir hören eine Suite für Flöte und Klavier. Die Flötistin Alice Guinet sagt, dass es darin starke Emotionsschwankungen gibt, heftigste Ausbrüche und dann wieder ganz Zartes.
Das Konzert schließt mit einem ganz jungen und auch geografisch nahen Komponisten, mit Patrick Pföß aus Traunstein.
Er ist sehr rührig in der dortigen Musikschule und leitet den Kirchenchor von Siegsdorf. Er bevorzugt ausgefallene Kombinationen: hier das Stück „NUN“ für Hackbrett und Akkordeon, eine Uraufführung. Ich möchte die Zuhörer ermuntern, all diese Musik mit allen Sinnen zu genießen.Interview Rainer W. Janka