Man lese und staune: „Am Ausflusse der Alz, also an einem der schönsten Punkte des Chiemgaues, ist unser stilles kleines Heimatörtchen Seebruck gelegen.“ Seebruck am Chiemsee: „Still“ und „klein“?
Die Beschreibung stammt aus dem Jahre 1930. Ihr Autor ist Pfarrer Jakob Weyerer (1874 bis 1953), der 1930 das Büchl „Seebruck. Eine Studie zur Heimatkunde“ vorgelegt hat. Vikar Weyerers Studie zur Heimatgeschichte wurde dankenswerterweise auf Veranlassung des Heimat- und Geschichtsvereins Bedaium in Seebruck 1991 per Repro-Druck wieder neu im Drei Linden Verlag herausgebracht.
Natürlich hat sich 95 Jahre nach Weyerers Studie allerhand geändert. Seebruck ist seit 1980 Teil der Großgemeinde Seeon-Seebruck, der zweitgrößte Ort der Gemeinde, die zum Landkreis Traunstein gehört. Zu Jakob Weyerers Zeiten war Seebruck Sitz und Zentrum allein der Altgemeinde Seebruck. Und: Seebruck ist 2025 nicht mehr klein und auch nicht mehr – zumindest tagsüber – still! Die Großgemeinde zählt derzeit knapp 5000 Einwohner und trägt das Prädikat „Erholungsort“. Die wunderschöne Lage Seebrucks direkt am Ostufer des Chiemsees mit Blick auf das Alpenpanorama lässt dort viele Gäste verweilen, insbesondere in den attraktiven Gaststätten und Hotels.
Ob die Gäste Seebrucks heutzutage noch die lokale Aussprache Seebrucks vernehmen können? Dem Gastwirt Anzer, Inhaber der vormaligen „Südtiroler Stuben“ am Südtiroler Platz zu Rosenheim, verdanken wir die Aussprache „Sääbruck“. Dabei wird nicht die „Bruck“, sondern der „See“ betont, und das noch dazu in der bairischen Lautung mit /ä/, nicht mit geschlossenem /e/.
So weit, so gut: Die meisten Ortschaften unserer Region haben zwei Aussprachen: die standarddeutsche, quasi nach der Schrift, und die bairische, so wie bei Prien und Rimsting als „Brean“ und „Rimschding“, und eben bei Seebruck als „Sääbruck“. Darüber hinaus trägt Seebruck den kelto-römisch-romanischen Namen „Bedaium“!
Hier, kurz gefasst, die Namensentwicklung: Die antike Straßenstation an der Alzmündung heißt der Überlieferung nach im 2. Jahrhundert „Bedakon“, im 3. Jahrhundert „Bidaio“, im 4. Jahrhundert „Bedaio“, bevor ab 1165 „Sebruke“ und 1514 schließlich „Seebruck“ geschrieben wird.
Der Ortsnamenforscher Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein folgt Weyerer und erklärt Bedaium mit dem Namensbestandteil „Bed“ und dem Suffix „-akon/-aium“ als „Sitz einer keltischen Lokal(wasser)gottheit namens Bid“.
Der Sprachwissenschaftler Theo Vennemann geht dagegen bis ins vorkeltische Zeitalter und erklärt den Namensbestandteil „Bed“/„Bid“ dieser Gottheit mit Vaskonisch/Baskisch „bide“ = Straße, unter Verweis auf weitere „Bed“/„Bid“-Orte in Europa (Bitburg, Pidingen, englisch Bedford), die allesamt wie Bedaium/Seebruck an antiken Straßen liegen, Seebruck übrigens an der Römerstraße, die von Salzburg („Juvavum“) nach Augsburg („Augusta Vindelicum“) führte. Heutzutage hat es der lateinische Name „Bedaium“ sogar auf Straßenschilder in Seebruck geschafft. Und nicht nur dieser! „Optime“, ihr höchst kompetenten Leute vom Römermuseum Seebruck!