Rosenheim – Wenn im Kultur- und Kongresszentrum die Ouvertüre zur Oper „Die Alpenhütte“ erklingt, glaubt man nicht, dass sie von einem Berliner Beamten (Johann Philipp Samuel Schmidt, 1816) stammt, der für seinen Einakter die Alpen als Ort für die Zusammenführung einer zerstrittenen Familie wählte. Der Schneesturm, der zu einem Bergunglück führt, ist förmlich zu spüren, und so fragte Georg Hermansdorfer, Leiter und Moderator beim Opernkonzert nach dieser Eröffnung: „Hat es Sie auch gefröstelt?“ Doch im Kuko war es eher warm und so kam er gleich auf den Sinn eines Librettos zu sprechen und wie es mit der Musik zusammenhängt. Letztlich sei eine Oper immer eine Geschichte, oft handle sie von Liebe, aber auch von Konflikten, tiefen Zerwürfnissen und Tod. Eben den wichtigsten Themen im Leben. „Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen,“ zitierte Hermansdorfer Victor Hugo.
Die „Zauberflöte“ als
Geschichten-Potpourri
Hermansdorfer, Vorsitzender des Vereins „Erlesene Oper“, Dirigent, Regisseur, Schauspieler, Vorleser, Bandleader und Jazzpianist, kurz gesagt ein Vollblut-Musiker, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den „Musikstücken“ einen Inhalt zu geben, Geschichten zu erzählen. „Die Zauberflöte,“ sagte er, „ist das reinste Sammelsurium von Geschichten,“ eine Art Potpourri, bei dem für jeden etwas dabei sei: Ein ägyptisches Märchen, Freimaurer-Gedanken, ein Kasperltheater rund um den Vogelfänger und vor allem jede Menge „action“. Das sei es, was die Leute wollten, dass sich etwas rühre auf der Bühne. Dafür war Mozarts Zauberflöte das beste Beispiel. Sie spielte damals so viel ein, dass Emanuel Schikaneder, der Verfasser des Librettos, zusammen mit einem Wiener Kaufmann das „Theater an der Wien“ erbauen konnte. Vorher wurde im „Freihaustheater“ gespielt, einer Mischung aus Kulturstätte und Künstler-WG mit freizügigen Sitten.
Überhaupt transformierte der Geschichtenerzähler Georg Hermansdorfer mit seiner lockeren Moderation viele der klassischen Operngeschichten in die Gegenwart und bescherte damit zusammen mit seinem Ensemble, bestehend aus Solisten, Orchester und Chor, einen amüsanten und lehrreichen Musikabend. Natürlich freut sich jeder Opernliebhaber über „Nessun dorma“ aus „Turandot“ von Puccini, heldenhaft vorgetragen vom Tenor Markus Herzog, leise untermalt vom Chor und fulminant begleitet vom Orchester der „Erlesenen Oper“. Aber wer weiß schon, dass in ganz China (Puccini folgte mit Turandot dem Modetrend „exotische Opern“) niemand schlafen soll, um den Namen des Prinzen herauszufinden.
Italienisch wurde gesungen, deutsch und sogar russisch. Denn, so Hermansdorfer, schließlich könne man den Superstars der Opernszene nicht jeden Tag eine andere Landessprache zumuten, und außerdem gebe es da diese Verbindung aus Text und Musik, die in einer Übersetzung oft gar nicht darstellbar sei. Oder kann sich jemand die Arie der Aida „Ritorno vincitor“, gesungen von der wunderbaren Sieglinde Zehetbauer in einem knallroten Kleid, ernsthaft in deutscher Sprache vorstellen?
Gerade die Darbietungen der Solistinnen Sieglinde Zehetbauer (Sopran) und Kayo Hashimoto (Mezzosopran) brachten einen Hauch von Salzburg, Bayreuth und Verona ins Kuko, und die beiden Damen ließen es sich nicht nehmen, in der Pause ihre Garderobe zu wechseln. Ja, da haben die Männer einfach nicht so viele Möglichkeiten. Doch sowohl Markus Herzog (Tenor) als auch Michael Doumas (Bass, eingesprungen für Oskar Hillebrandt) standen ihnen gesanglich in nichts nach. Egal in welcher Sprache.
Das „Opernkonzert“ der „Erlesenen Oper“ war eine Mischung aus Wunschkonzert und Potpourri á la Zauberflöte. Es gab Szenen im Wirtshaus und im venezianischen Bordell („Hofmanns Erzählungen“), auf dem Land („Cavalleria Rusticana“), in Ägypten („Aida“) und China („Turandot“) und eine Kirta in Böhmen („Die verkaufte Braut“). Die ausgewählten und wirklich erlesenen Stücke handelten von nahendem Unglück („Come dal ciel“ aus Verdis „Macbeth“) und Schneestürmen in den Bergen, von Verzweiflung („Recondita armonia“ aus Puccinis „Tosca“) und einem vorübergehend glücklichen Hochzeitspaar („Treulich geführt“ aus Wagners „Lohengrin“). Alles wunderbar erläutert vom Dirigenten mit Zusatzqualifikation „unterhaltsame Moderation“, der sogar während des Dirigierens kommentierte.
Da darf auch die Freude nicht fehlen und so wurde passend am Ende das Trinklied aus Verdis „La Traviata“ zum Besten gegeben, bei dem die vier Solisten zeigten, dass sie auch im Quartett hervorragend harmonieren: „Lasst uns fröhlich an den Gläsern nippen“ oder „Libiamo ne‘ lieti calici“. Also eigentlich die Gläser erheben, was sowohl Gioachino Antonio Rossini als auch Jacques Offenbach gerne getan haben.
Offenbach hinterließ in seiner Lieblingskneipe „Lutter und Wegner“ in Berlin umgerechnet 30000 Euro Schulden, Rossini, der mit einem Schlag das Komponieren aufhörte und sich nur noch dem Kochen widmete, verstarb kurz nach der Uraufführung von „Cenerentola“ vermutlich an den Folgen seines genussreichen Lebens. Jede Menge Geschichten für neue Opern-Librettos.