Österreich-Ungarn und Oberaudorf

von Redaktion

Brillantes Neujahrs-Konzert der Tiroler Festspiele Erl

Erl – Bevor es beim Neujahrskonzert der Tiroler Festspiele Erl zu den Walzern, Polkas und Märschen von Johann Strauß ging, kamen ungarische Tänze von Johannes Brahms und Franz Liszt: Da waren zumindest musikalisch in Tirol wieder Österreich und Ungarn vereinigt – Johannes Brahms als geborener Hamburger und der österreichische Franz Liszt als adoptierter Ungar verstanden sich vorzüglich auf den Csárdás-Rhythmus. In den vier ausgewählten Ungarischen Tänzen von Brahms brachte Beomseok Yi, langjähriger Kapellmeister der Festspiele, der den verletzten Chefdirigenten Asher Fisch ersetzte, das Festspielorchester schnell auf Betriebstemperatur: Die Musiker, die ihm sichtlich zugetan waren, legten mit warmem und fülligem Brio, brillant geschliffenem Klang und straffer Rhythmik los und demonstrierten lustvoll, wie intensiv Yi mit ihnen gearbeitet hat. Immer gab der die richtigen Impulse und arbeitete prägnant den ständigen Wechsel von spannungssteigernden Ritardandi und Temposteigerungen heraus, ungarisch der Wechsel vom langsamen „Lassú“ zum schnellen „Friss“. Die Musiker hatten auch das richtige Maß an sehnsüchtig schluchzendem Sentiment, die Piccoloflöten hatten ihr hübsch kicherndes Zwischenspiel und die Streicher Lust, tanzlustig aufzutrumpfen oder sich selig zu wiegen. In der Ungarischen Rhapsodie Nr. 2 von Liszt konnte sich der Konzertmeister als zwischenpräludierender Zigeunerkapellen-Prima präsentieren und konnten sich die Holzbläser mit herrlichem Klang auszeichnen. Die Geiger saßen alle bis hin zur letzten Reihe hochkonzentriert auf der Stuhlkante und musizierten äußerst lebendig, immer wieder animiert vom auswendig dirigierenden Beomseok Yi, den die Musiker dazwischen mit füßetrampelndem Applaus begrüßten: eine Herzensbeziehung. Einen Ausflug ins Literarische bedeutete Liszts Mephisto-Walzer Nr. 1 aus den Episoden zu Lenaus „Faust“: Da crasht Mephisto eine Hochzeitsfeier in einem Wirtshaus (auf Ungarisch: csárda) und so diabolisch lärmend und hämisch grell lachend klang’s auch aus dem Orchester.

Wienerische Tanz-Eleganz herrschte dann nach der Pause: Feurig-verheißungsvoll lockte die Ouvertüre zu „Der Opernball“ von Richard Heuberger: „Komm mit mir ins Separee!“ Zupflustig, dynamisch variabel und absolut kompakt rauschte Strauß‘ „Pizzicato-Polka“ vorbei, lagunenwalzerschwelgend die Ouvertüre zu „Eine Nacht in Venedig“, zu der sich einige Geigerinnen venezianische Masken mit Federbesatz aufsetzten. Der Einzugsmarsch aus dem „Zigeunerbaron“ kam so schneidig und tänzerisch geschmeidig, wie österreichische Märsche nur sein können, und präzise schnarrte die Trommel in der „Tritsch-Tratsch-Polka“. Dann kam der große Konzert-Walzer „Geschichten aus dem Wienerwald“ und es kam, liebenswürdig-bescheiden wie immer, der Berger Hans aus Oberaudorf: Unendlich liebevoll und unendlich klangfüllig spielte er auf seiner Zither die Einleitung und den Schluss und dann als Zugabe eine Fantasie über den Walzer „An der schönen blauen Donau“, in der er schmunzelnd den „Dritten Mann“ mitschwimmen ließ. Den Wienerwald-Walzer selber nahm Yi als farbenreiche schwingende, singende und wohlig vogelstimmenschwirrende Orchestersuite: einfach schön. Beomseok Yi hatte nur eine Zugabe einstudiert, nämlich Brahms‘ Ungarischen Tanz Nr. 5. Der und der wiederholte Tanz Nr. 1 waren die einzigen Zugaben: Es geht auch ohne mitgeklatschten Radetzky-Marsch.

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