Mehr als ein Kaleidoskop

von Redaktion

Mit der Lichtoper „Zwischenwelten“ inszeniert der Künstler Ingo Bracke Zwischenwelten und Übergänge

Kiefersfelden – Die Älteren unter uns kennen es noch, das Kaleidoskop, eine Art Fernrohr, bei dem durch eine Ansammlung von bunten Steinchen und Spiegeln im Inneren wechselnde Bilder und Muster entstehen. Unter Ausnutzung der Lichtreflexion sieht man immer neue, schöne symmetrische Abbildungen.

Ingo Bracke nutzt dieses einfache Prinzip in seiner Lichtoper „Zwischenwelten“, die in den Tagen zwischen den Jahren, der Übergangszeit, insgesamt neunmal in der Pfarrkirche Hl. Kreuz in Kiefersfelden aufgeführt wurde. Doch sein Kaleidoskop sind Bilder, die er selbst kreiert und über eine ausgefeilte Medientechnik live in den Kirchenraum projiziert. Begleitet wird er dabei von seinem kongenialen Partner Karl Knöpflen, Organist, Kirchenmusiker und Musikpädagoge aus Kaiserslautern.

Viel mehr als nur
ein Lichtspektakel

Für Karl Knöpflen ist es einfach, eine Berufsbeschreibung zu finden. Bei Ingo Bracke tut man sich da etwas schwerer. Aufwarten kann er mit Installationen in Sydney, Singapur oder im Bach-Haus Eisenach. Er scheint ein multimediales Supertalent zu sein, einer, der sich auskennt mit Technik, Licht, Medienkunst, Bühnenbild, Musik, Magie und Religion. Diese Mischung macht aus einem einfachen Lichtspektakel die angekündigte „immersive Reise durch die Raunächte“. Als Bühne stellt er den Altaraufsatz der Kiefersfeldener Kirche in den Mittelpunkt, das neu geborene Jesuskind mit dem Kreuz in der rechten Hand.

Wenn man eintritt in den dunklen Kirchenraum, läuft schon eine Art Ouvertüre, ein Stück des estnischen Komponisten Arvo Pärt, bestehend aus einer Geigenstimme mit Klavierbegleitung: „Spiegel im Spiegel“. Die Geigenstimme besteht im Wesentlichen aus Tonleitern, begleitet von Dreiklangstrukturen am Klavier, die in ihrer Einfachheit eine unglaubliche Wirkung erzielen. In den Kirchenraum projiziert Ingo Bracke dazu das zentrale Symbol seiner Inszenierung, die Mandorla, die Mandel, die entsteht, wenn sich zwei Kreise überlappen. Wie riesige Spinnenbeine wandern sie als sich ständig wiederholende fraktale Struktur durch den Kirchenraum, an der Decke, auf dem Boden, über die Altäre, ja, über einen selbst. Da wird schon klar, was der Künstler mit immersiv meint: Seine Projektion soll einen mitnehmen in einen Zustand, bei dem alle Sinne angesprochen werden.

Zu Beginn des ersten Aktes ist ein einziger Strahl auf das Jesuskind gerichtet, Pärts „Spiegel im Spiegel“ wird von der Orgel aufgenommen und geht über in Pachelbels Kanon in D. Aber es ist nicht einfach ein Lichtstrahl, es ist der Beginn des Lebens, die Verschmelzung zweier Zellen, ein kurzer Zeitraum oder Übergang, bei dem aus zwei Zellen wie bei der Befruchtung eine wird, aber zunächst als drei Sektoren erkennbar ist. Die Trinität, die Dreifaltigkeit, Vater-Mutter-Kind, drei und doch eins, die Entstehung des Lebens, der Beginn der Ontogenese, der Individualentwicklung, die laut Ernst Haeckel (1866) ein Durchlauf durch die Phylognese ist. Auch wenn dieses sogenannte Biogenetische Grundgesetz vielleicht überholt ist, greift Ingo Bracke es auf und projiziert es auf vielfältige Weise in den Kirchenraum, immer in perfekter Übereinstimmung mit dem Organisten Karl Knöpflen, der mit der Toccata in d-Moll von Johann Sebastian Bach zeigen konnte, was in ihm und der Kiefersfeldener Orgel steckt.

Das, was Bracke in seiner kleinen Ansprache ankündigte, wurde in vollem Umfang erfüllt: laut und leise, klein und groß. Knöpflen und Bracke bedienen sich dabei eingängiger Musikstücke, sowohl als Orgelmusik als auch als Begleitung der Lichtoper, wie zum Beispiel Händels „Ombra mai fu“, was übersetzt heißt: Nie war ein Schatten. Bracke lässt das Publikum eintauchen in Feuer und Wasser, von Wind und Sturm umtosen, Teil eines Urknalls sein oder ruhig durch einen Wald spazieren. Dank eines ausgeklügelten Soundsystems hört man Pferdegetrappel und Vogelgezwitscher und dazwischen immer ganz sanft den Ton einer Klangschale, wie einen Punkt, bevor es zur nächsten Szene geht.

Auflösung durch
das flimmernde Kreuz

Am Ende ist der Herzschlag raumeinnehmend, in Bild und Ton, der schließlich aufgelöst wird durch das flimmernde Kreuz, das über den gesamten Altar strahlt. Jesus, der mit radikaler Akzeptanz seinen Weg auf sich nimmt. Da passt auch Felix Mendelssohn Bartholdys Andante aus der Sonate Nr. 6.

Die Lichtoper von Ingo Bracke und Karl Knöpflen hat eine Multidimensionalität, die sämtliche Türen zum Inneren öffnen kann, wie im Inneren eines Kaleidoskops. Sie kann verstören und bereichern zugleich, wie ein Januskopf, der in zwei Richtungen schaut. Oder diesen Zwischenraum der Überlappung zweier Kreise öffnen, wie die Mandorla. Den Übergang in den Raunächten.

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