Erl – Auf der großen Videoleinwand wandern immerdar Türen und der Blick durch Türen in Räume, die sich in weitere Räume öffnen, und Böden, die nach unten wandern: kein Halt nirgends. Es ist, als ob es Tausend Türen gäbe, und hinter Tausend Türen keine Welt. Jonas Dahlberg hat diese Videos geschaffen. Er ist der diesjährige Kunst-Partner der „Musicbanda Franui“. Diese zehnköpfige Musikgruppe aus Osttirol ist seit Anfang der Tiroler Festspiele Erl fest dabei und arbeitet oft mit Rezitatoren, Sängern, Chören, Puppenspielern oder eben Filmemachern zusammen.
Robert Schumanns
letztes Werk
Diesmal überraschten die Osttiroler aus dem Dorf Innervillgraten mit einer Uraufführung: „Geistervariationen“ heißt ihr Programm, eine „Musikalische Séance nach einem Thema von Robert Schumann“. Der komponierte als letztes Werk, bevor er als Geisteskranker in die Anstalt nach Endenich gebracht wurde, wo er kurz darauf starb, „Thema mit Variationen in Es-Dur“ für Klavier. Diese wurden später „Geistervariationen“ genannt, weil Schumann meinte, Engel und Dämonen hätten ihm die Melodien vorgesungen. Kurz vor der letzten Variation sprang Schumann am Rosenmontag in den Rhein, wurde aber gerettet: ein Fast-Tod am Tag der ausgelassensten Freude.
Das bleibt der Grundton für dieses Programm. Die sogenannte „Rekonstruktion und Bearbeitung“ stammt von Markus Kraler und Andreas Schett. Diese „Geistervariationen“ nun variierten die Musiker von „Franui“ weiter und machten daraus Engels- und Dämonenmusik auf ihre Weise in traumhafter Stimmung. Dabei wandert das Thema unentwegt weiter, auch in Musik von anderen Komponisten, vorzugsweise von Schubert, aber auch von Mozart mit seinem „Türkischen Marsch“ und Mendelssohn Bartholdy mit seinem „Herbstlied“. Dabei wechseln blitzschnell die Rhythmen, Musikstile und Formen, dabei erweitern, dekonstruieren und verzerren die Musiker die Ursprungsmusik so, dass sie manchmal mit Harfe und Hackbrett verzärtlicht wird, manchmal grell aufschreit, manchmal volksmusikantisch lärmt und manchmal wie ein Jazz Funeral aus New Orleans klingt, meist aber unendlich traurig tönt, so wie der verwendete Walzer Nr. 13 aus den „Valses sentimentales“ von Schubert oder wie in den Liedern aus Schumanns „Liederkreis“ auf Texte von Joseph von Eichendorff. Da küsst in der „Mondnacht“ der Himmel die Erde, da wird geklagt, dass in der Heimat keiner mehr den Sänger kennt („In der Fremde“), da wünscht sich der Sänger, dass er im Himmel wär‘ („Die Stille“) und manches bleibt in Nacht verloren („Zwielicht“). So wie die Kamera durch die Wände und Böden gleitet, gleitet die Musik von „Franui“ durch Melodien und Trauermusik.
„Der Mond ist
aufgegangen“
Und gerade, als man sich fragte, wann und wie Franui zum Ende finden würde, glitt der Schubert-Walzer unmerklich in das choralartige Hauptthema zurück und einige Musiker sangen dazu „Der Mond ist aufgegangen“ samt Fetzen aus Brahms‘ „Guten Abend, gut Nacht“ – ein unheimlicher und tröstlicher Schluss zugleich.
Als Zugabe für den tosenden Applaus im ausverkauften Festspielhaus spielten die Osttiroler ihre Lieblingsmusik, nämlich den Begräbnismarsch Nr. 41: Begräbnismusik ist für sie die ursprünglichste Musik („weil sie nicht für touristische Zwecke missbraucht werden kann“, sagte Andreas Schett grinsend dazu), und weil sie, wenn’s ins Wirtshaus geht, in fröhliche Musik wandert: Wandern ist nicht nur des Müllers, sondern auch der Musiker Lust.