Erl – Mit einer ausverkauften Matinee am Dreikönigstag gingen die Tiroler Winter-Festspiele in Erl zu Ende. Dafür hätte Beethovens 9. Symphonie alleine auch genügt – aber vor dem d-Moll kam das D-Dur, vor Ludwig van Beethoven kam Ferruccio Busoni, dieser deutsch-italienische Pianist, Komponist, Denker und Musikpädagoge der Jahrhundertwende, der zwar in seinem „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ von 1924 kühne Gedanken formulierte, in seinen Kompositionen aber eher der alten spätromantischen Ästhetik der Tonkunst anhing. So klingt sein Violinkonzert op. 35a weder neu, noch kompliziert oder gar skandalös, sondern „nur“ schön.
Statt des verletzten Chefdirigenten Asher Fisch leitete Daniele Rustioni das Orchester. Er breitete für die Geigerin Francesca Dego, die dieses Konzert schon auf CD eingespielt hat und es so glänzend beherrscht, einen farbenprächtigen Teppich aus. Im ersten Satz fließt die Musik immer wohltuend schön dahin, reißt einen nicht mit, steckt dafür voller reizvoller Einzelheiten: mal da ein Bläserchoral, mal dort ein Geigengeflirre oder ein feierliches Cello-Geraune. Dazu artikulierte Francesca Dego sehr beredt und spielte ihre zahlreichen Figurationen mit vielen Doppelgriffen genießerisch und zugleich entschieden aus. Ihr silberner Ton trug mühelos bis in die letzten Reihen. Mit sorgfältig dosierter Kraft und innigem Elan formte sie im zweiten Satz ihre auf- und niedersteigende Kantilene, von den Posaunen und Hörnern und Geigentremoli grundiert, scheute auch nicht vor schluchzenden Portamenti zurück. Alles war hier eher in dunklen Tönen gehalten, vor denen sich der strahlendhelle Klang der Solo-Geige gut abhob: Daniele Rustioni ließ der Solistin immer den Vortritt – auch wenn er im Finale schöne Einzelstellen gestisch heraushob. Da wurde alles temperamentvoller, belebter und tänzerischer, die Geigerin lieferte sich hübsche Konversationen mit den Holzbläsern, bis mit leisem Becken und Triangel ein humoristischer Marsch überleitete zur stürmischen Schluss-Stretta. Francesca Dego meisterte mühelos alle technischen Schwierigkeiten, holte viel Energie aus den vielen Trillern, blieb bei aller rhythmischen Entfesseltheit aber gelassen-konzentriert und souverän. Für den herzlichen Beifall bedankte sie sich mit der wirkungsvoll präsentierten Caprice Nr. 13 von Niccolò Paganini, die wegen ihrer herabgleitenden Doppelgriffe auch „Teufelsgelächter“ genannt wird.
So genau wie Rustioni schlug, so exakt und straff nahm er Beethovens Neunte. Sie begann nicht als mystische Weltentstehungsgeschichte, sondern als Übergang von Unordnung zur Ordnung, immer vorwärtsdrängend, entschieden, lebensbejahend und fast ungeduldig energisch – als schickte der Optimismus des freudigen Finales schon seine Strahlen auf den Kopfsatz voraus. Energie speiste sich aus den typisch Beethoven’schen Synkopen und auch aus der hervorragend donnerwirbelnden Pauke. Die Orchester-Tutti kamen so scharf und punktgenau wie Handkantenschläge, süß zehrend dafür das flehende Geigen-Motiv.
Bacchantisch-furios ging der zweite Satz los, die Pauke knallt nicht vorlaut heraus, sondern war gut integriert, agil bliesen die Holzbläser und der Dirigent dirigierte jetzt bisweilen nur mit Blicken und Augenbrauenheben, dafür tanzte er den Rhythmus vor.
Ein einziger weihevoll fließender Gesang in nicht zerfließendem Tempo, ein melodisches sich Wiegen und Wogen war das Adagio, in dem der Dirigent jetzt sogar einzelne Pizzicati dirigierte: eine Feier der Details. Dann erhob sich der Chor fürs Finale: Der Erler Festspielchor war ergänzt durch den Bachchor Salzburg, die Solisten standen inmitten des Chores. Hochgespannt und fast exaltiert begannen die Celli und Bässe ihr Rezitativ und spannungsvoll leise leiteten sie über zur Freudenmelodie. Stimmstark und verkündend wie ein Herold forderte der Bariton Lukas Enoch Lemcke zu freudenvolleren Tönen auf, hervorragend homogen war das Solistenquartett: mühelos hellstrahlend der Tenor Matteo Ivan Rašic und ebenso mühelos sich in die Höhe schwingend die Sopranistin Meredith Wohlgemuth, dazu kam noch die Altistin Manuela Leonhartsberger. Weder um den Siegeslauf des Tenors noch um den sanften Flügel des Soprans musste man Angst haben.
Die vereinigten Chöre entwickelten eine geradezu flammenwerfende Stimmkraft, sodass man den besungenen Cherub mit seinen Flammenflügeln vor sich stehen glaubte. Der Kuss galt wirklich der ganzen Welt, ätherisch schwangen sich die Sänger übers Sternenzelt und wahrlich feuertrunken sangen sie sich auch mit Fugengewalt ins Elysium – in dem sich auch die Zuhörer wähnten, so aufbrausend und anhaltend kam der Beifall danach.