Widerlegung einer Legende

von Redaktion

Vortrag über „Goethe und Schubert“ bei der Goethe-Gesellschaft Rosenheim

Rosenheim – Goethe, so wird oft behauptet, hat angeblich dem Komponisten Franz Schubert schweres Unrecht zugefügt, da er dessen musikalisches Genie verkannt habe. In seinem erhellenden Vortrag „Goethe und Schubert“ gelang es Professor Dr. Jochen Golz überzeugend, diese Legende zu widerlegen. Golz, der Ehrenpräsident der Goethe-Gesellschaft Weimar ist, sprach auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof am Ludwigsplatz. Für seine seit dem Jahr 2001 gehaltenen Vorträge erhielt der Referent zum Dank ein Goethe-Porträt des Grafikers Josua Reichert.

Zunächst zeigte Golz auf, dass Goethe keineswegs unmusikalisch war. Vielmehr spielte er bereits in jungen Jahren Klavier und Geige und war in Weimar verantwortlich für die Aufführung von Opern und Singspielen. Im Haus am Frauenplan gab es regelmäßig Musikabende. Der junge Mendelssohn habe Goethe, der auch großer Mozartfan war, mit seinen Kompositionen bezaubert.

Gegenüber Beethoven, dessen Klavierfassung der 5. Sinfonie Mendelssohn dem Dichter vorgespielt hat, schwankte Goethe zwischen Sympathie und Distanz. Er beschrieb ihn als „zusammengefasst, energischer, inniger“ als jeden anderen Künstler, den er kannte. Goethe sei also kein Musikbanause gewesen.

Schubert war ein großer Bewunderer von Goethes Dichtung. Bis 1816 vertonte der fast 70 Gedichte Goethes. Schuberts Freunde meinten, eine Fürsprache von Goethe wäre für Schubert hilfreich. So schickte im April 1816 sein Freund Spaun einen Brief an Goethe mit 16 Liedern des damals gerade 19 Jahre alten Schubert, darunter „Gretchen am Spinnrad“, „Rastlose Liebe“ und den „Erlkönig“.

Goethe war laut Golz von diesem Brief nicht angetan. Zum einen sei er zur ungünstigen Zeit angekommen, als Goethes Frau todkrank war. Zum anderen habe Spaun den völlig unbekannten Schubert großsprecherisch gelobt. Dem Klavierspieler solle es laut Spaun „an Fertigkeit und Ausdruck nicht mangeln“, was Goethe als hochnäsigen Hinweis empfunden haben muss, so Golz. Goethe habe zudem kein Versuchskaninchen und Werbeträger für Schubert sein wollen. Neben Goethe sollten die Liederhefte schließlich auch anderen Dichtern gewidmet werden, von denen Goethe nichts hielt.

Goethes Freundin Marianne von Willemer habe den Dichter laut Golz immer wieder auf Vertonungen Schuberts von Gedichten aus dem West-Östlichen Divan aufmerksam gemacht, worauf Goethe aber nicht reagierte. In einem knappen Brief aus dem Jahre 1825 schickte Schubert an Goethe unter anderem seine Vertonung des „Erlkönig“ in der Hoffnung auf Anerkennung, aber Goethe antwortete nicht. 1830 sei laut Golz eine Bekehrung Goethes zu Schubert möglich gewesen, als die Sängerin Schröder-Devrient ihm den „Erlkönig“ vortrug. Das Pferdegetrappel sei vortrefflich ausgedrückt, das Schauerliche aber bis zum Grässlichen getrieben, so lautete Goethes Urteil über Schuberts Vertonung.

Goethe habe die strophische Vertonung, die radikale Reproduktion der poetischen Intention geschätzt, wie sie sein Freund Carl Friedrich Zelter praktizierte. Wichtig für den Dichter seien Ebenmaß und einfache Sangbarkeit gewesen. Die Musik müsse den Text wie ein Luftballon in die Höhe aufsteigen lassen, so Goethe. Schubert habe diesem Ideal nicht entsprochen. Georg Füchtner

Artikel 10 von 10