Tanzmäuse in einer zuckerwattierten Zeit

von Redaktion

Der Literaturkritiker Knut Cordsen nimmt beim Literaturabend in Traunstein Sprachtrends unter die Lupe

Traunstein – Als Literaturkritiker, Radio-Moderator und vielseitig interessierter Kulturmensch mit sonor-knarziger Stimme weiß Knut Cordsen seine Hörer regelmäßig zu begeistern. Mit Beiträgen, die Scharfsinn und geistreiche Analyse mit einer geschliffenen Wortwahl verbinden und durch Humor und Tiefgang Genuss bereiten. Inwiefern sich am Gebrauch der Sprache auch etwas über den aktuellen Zustand der Gesellschaft ablesen lässt, stellte der streitbare Journalist zum Auftakt einer neuen literarischen Reihe zusammen mit der Buchhandlung Stifel im Kulturforum Klosterkirche in Traunstein unter Beweis.

In seinem aktuellen Buch „Stand jetzt – Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen“ zeigt Cordsen in einem kolumnenhaft aufgebauten Kompendium, welche Spuren oder auch Verwüstungen Medien, Politik und Popkultur in unserem Vokabular hinterlassen haben. Von A wie „Angebot machen“ bis Z wie „Zurückholen“. Wie der 53-Jährige erläuterte, habe ihn der Sprachkritik-Klassiker „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ inspiriert, der das Nachwirken des Nazi-Jargons im Sprachgebrauch der 1950er-Jahre unter die Lupe genommen hat, zu einer zeitgemäßen Aktualisierung gereizt.

So sei etwa die „Lust an der Selbstverzwergung“ Kennzeichen einer „zuckerwattierten Zeit“, in der sich eine spätpubertär wirkende Scheu widerspiegle, Verantwortung zu übernehmen. Cordsen machte dies humorvoll-genüsslich an ständigen Verniedlichungsformeln deutlich. Überall werde das „ie“ angehängt, sodass sich heute zu bekannten Ausdrücken wie dem Hippie, Roadie, Zombie, Smoothie oder Smartie neuerdings auch der „Drinnie“ – ein „Stubenhocker“, der kumpelhafte „Homie“ oder der „Bestie“ – der beste Freund – dazugeselle. Nicht zu verwechseln mit einer angriffslustigen Bestie.

Ebenso auffällig sei die wohl speziell unter Influencern grassierende Verharmlosungsoffensive, alles zu verniedlichen. So gesellen sich zu der allseits bekannten Käsemaus oder der armen Kirchenmaus inzwischen ganze Kohorten von Club-, Party-, Lese-, Büro- und Arbeitsmäusen, ganz zu schweigen von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten, die sich via Selfie als „Bundestagsmaus“ verabschiedet. Diese stehe „ganz offensichtlich noch unter Welpenschutz“. Als Gegenmittel empfiehlt Cordsen Kafkas letzte Erzählung von 1924: „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“.

Mit Witz und Hintersinn für heutige Jargons spürt Cordsen in seinen Betrachtungen des Zeitgeists auch dem Jägerlatein einer Alice Weidel nach, wirft einen Blick hinter die Brandmauer, spürt dem symbolpolitischen Unfug ständiger Wort-Fair-Änderungen nach („fairgeben“, „Fairbruary“, „Fairrosen“), entlarvt die politischen Spätfolgen von Loriots „Liberalala“ und spießt genüsslich die Unentschiedenheit politischer Entscheidungsträger auf, die sich immer mehr im „Aushalten“ aller möglichen Umstände üben würden. Ein vergnüglicher Abend, der zum Nachdenken angeregt hat.

Nach Knut Cordsen finden im Kulturforum Klosterkirche in Traunstein weitere literarische Lesungen im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe statt: Sandra Altmann liest am Donnerstag, 12. Februar, um 20 Uhr aus ihrem historischen Roman „Talsommer“ vor. Sie entführt das Publikum dabei in die oberbayerische Bergwelt des 19. Jahrhunderts. Am Donnerstag, 12. März, um 20 Uhr steht mit Regina Denk und ihrem Roman „Der Fährmann“ eine weitere literarische Lesung auf dem Programm. Ihr Buch handelt vom Leben an der Grenze zu Österreich in Zeiten des Ersten Weltkriegs. Axel Effner

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