Chansons zwischen Kaffeesäcken

von Redaktion

Anna Veit und Bläser der Münchner Philharmoniker beim Dinzler am Irschenberg

Irschenberg – Andere Diseusen und Chansonnièren wählen sich als instrumentelle Begleitung ein Klavier, eine Gitarre, einen Kontrabass und vielleicht ein leichtes Schlagzeug. Anna Veit hat sich fünf Bläser und einen Schlagzeuger der Münchner Philharmoniker ausgesucht, die zusammen den Namen „GoldMund“ tragen – vermutlich wegen der Goldfarbe der Instrumente und ihrer Mundstücke.

Um die Sängerin akustisch nicht heillos zu übertrumpfen, müssen sie ihren Umhüllungsklang fein mischen und gut dosieren. Das taten sie auch: Florian Klingler und Bernhard Peschl (Trompeten), Ulrich Haider (Horn), Quirin Willert (Posaune), Ricardo Carvalhoso (Tuba) und Sebastian Förschl (Schlagzeug) – alles einfach perfekte Blasmusiker mit Goldmund. Mit fein gewirkten und geistvoll-spritzigen Arrangements umschmeicheln sie Anna Veit, eine klassisch ausgebildete Musical- und Chansonsängerin. Jüngst musizierten sie zwischen Kaffeesäcken und -paketen in der Kaffeerösterei Dinzler am Irschenberg.

Dabei erwies sich Anna Veit als Goldkehle: Sie sang nicht nur lyrisch fließend oder emphatisch zupackend, sondern interpretierte ihre Chansons und Songs flüsternd, zwitschernd, gurrend, skandierend, erzählend, empört oder klagend. Sie kann die Töne langziehen und dann vibrieren lassen, das Mikrofon umarmen oder von sich werfen. Dabei verändert sie ständig ihren Stimmklang: romantisch schmachtend in einem Weihnachtssong von Elvis Presley, temperamentsexplosiv in einem Love-Song, ironisch sprechsingend in „Der Onkel Doktor hat gesagt, ich darf nicht küssen“ von Peter Igelhoff oder „Mit den Pokornys kann man nicht verkehren“ von Hugo Wiener, schelmisch in „Das schönste Geschenk – bist du“ von Pigor und melancholisch in dem Lied von Ulrich Roski: „Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“ Aber auch liebeszärtlich, wenn sie singt: „Ich geb‘ dir mein Herz in die Hand“.

Dazwischen plauderte sie mit dem Publikum über das vergangene Weihnachtsfest, die Geschenke dazu und über Vorsätze im neuen Jahr: Die ließ sie in der Pause auf bereitgestellte Zettel schreiben und las sie dann vor. Die Bemerkungen der recht zahlreichen Zuhörer reichten von Freude über einen BMW X3 als Geschenk bis zum Wunsch nach Frieden in der Welt. So band sie geschickt, mit hörbar bairischem Zungenschlag (sie ist in Niederbayern geboren), die Zuhörer in ihren Auftritt mit ein und schuf so eine kommunikative Konzert- und Zuhörgemeinschaft.

Einzelne glanzvolle Programmpunkte waren das ironische „Ausgerechnet heute Abend“ von Coco, das einst Peter Alexander sang, mit Begleitung der Posaune und des Vibraphons sowie ein Chanson, das einst die Schwabinger Gisela gesungen hatte: die ironisch-erotische Geschichte von „Klein Madleinchen“, das, rote Mohnblumen pflückend, nach Dijon wandert und drei Männern begegnet. Was sie mit denen erlebt, begleitet vergnügt nur die Basstuba.

Alles an Anna Veits Vortragskunst war hier entzückend: die wandlungsfähige Mimik vom naiven Augenaufreißen bis zum verständnisinnigen Blinzeln, die spannungssteigernden Singpausen und der nichts- und doch vielsagende explosive Schluss. Dann ein Kurz-Medley aus Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ in modern-zackiger Zusammenfassung, vor allem aber das berühmte frivole Chanson von Hugo Wiener: „Aber der Novak lässt mich nicht verkommen“ in vollkommener Diseusen-Manier: verrucht, vergnügt und moralisch höchst verkommen.

Bei der Zugabe winkte Anna Veit mit einem Heftchen: Darin standen die Strophen, die die Schwabinger Gisela noch dazu gedichtet hatte, die sogenannten „verbotenen“ Strophen. Die gab‘s als Zugabe – und dann, als harter Kontrast, den „Andachtsjodler“, den Anna Veit mit den Zuhörern gemeinsam sang, mehr oder minder richtig gesungen. Was soll’s: Der Novak lässt uns nicht verkommen.

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