Wenn die Tränen fließen

von Redaktion

Eine Lehrstunde in Barockgesang mit Youngmi Kim im Pfarrheim von Kiefersfelden

Kiefersfelden – Die Tränen fließen, Herzen werden durchbohrt und der schwarze Vogel der Nacht singt sein düsteres Lied: Elisabethanische Melancholie herrscht in den Liedern von John Dowland (1563 bis 1626), die so bedeutend und so beliebt sind, dass selbst der Popsänger Sting eine ganze CD damit füllt. Eigentlich müsste heuer ein John-Dowland-Jahr ausgerufen werden, da sich sein Todestag zum 400. Mal jährt.

Ihren Teil zu diesem Jubiläum hat die südkoreanische Sängerin Youngmi Kim beigetragen, Gesangsprofessorin am Georgia College and State University (USA). Sie sang im Pfarrheim Kiefersfelden im Rahmen des Catacoustic Consort Lieder von John Dowland. Was heißt, sang: Sie lebte sie, erfüllte sie mit Liebesleid und Inbrunst, ließ die Tränen melodisch fließen und wenn sie in „The Heavens Declare“ von Robert Tailour vom Himmel und der Seele singt, öffnet sich der Himmel und ihr Sopran hebt sich in ätherische Höhen.

Ihre Stimme springt mühelos an und bleibt auch in der Höhe anstrengungslos, ihr Vibrato ist vogelgleich schnell, ihr Forte nie übersteuert, das Anschwellen und Zurückgehen der Stimme ist perfekt gesteuert, ihr Sopran glänzt und glitzert, kann aber auch stählern zornig werden. Dabei ist ihre Diktion so exakt, dass man die englischen Texte wohl verstand. In den italienischen Liedern von Giulio Caccini (1551 bis 1618), darunter in dem berühmten „Amarilli, mia bella“ sowie in „Dolcissimo sospiro“ (Sanftester Seufzer), demonstrierte sie die Kunst des „stile concitato“, also des erregten Gesangs, mithilfe von schnellen Tonwiederholungen. Alles war bis in die letzten Koloraturen und Fiorituren mit Leidenschaft erfüllt: eine Lehrstunde in Barockgesang.

Begleitet wurde sie von Annalisa Pappano, der künstlerischen Leiterin des Catacoustic Consort, an der Gambe und der Lirone sowie von Hans Brüderl an der Theorbe und der Knickhalslaute. Annalisa Pappano grundierte die Sängerin ganz liebevoll leicht mit ihrer Gambe und ließ zu „Amarilli“ ihre Lirone vielsaitig rauschen, obwohl kurz davor eine der vielen Saiten gerissen war. Hans Brüderl umschmeichelte die Sängerin mit fein gezupften Tönen und Akkorden, zeigte sich als glänzender Solist in der „Fantasia“ von Dowland und ließ seine Finger in „Balleto“ von Domenico Pellegrini auf einer kleinen Barockgitarre tanzen.

Geschickt hatte Kim die wirkungsvollsten Stücke an den Schluss gestellt, von Barbara Strozzi (1619 bis 1677) komponiert: Schelmisch und sehnsuchtsvoll zugleich stachelte sie in „Amor dormiglione“ Amor an, endlich tätig zu werden. Aufjubelnd, freudelachend und dann wieder das Schicksal verfluchend und doch liebessüchtig sang sie in „L’Astratto“ von der Unmöglichkeit, dass Gesang das liebesschmerzende Herz beruhigenkönne. Rainer Janka

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