Zum Dahinschmelzen schön

von Redaktion

Hochkarätiges Jazz-Piano-Trio spielt höchst vielfältiges Programm in der Villa Sawallisch

Grassau – Es ist kein Zufall, dass bereits das zweite Konzert im aktuellen Grassauer Halbjahres-Programm sich dem Jazz widmet. Wie so oft ist der Hintergrund eines Konzerts in der Villa einer der begehrten Meisterkurse, diesmal angeboten für die klassische Formation Jazz-Piano-Trio.

In der Regel treten solche Trios meist unter dem Namen ihres jeweiligen Pianisten auf. Wer kennt nicht das Oscar-Peterson-Trio oder das Keith-Jarrett-Trio. Das Trio des Abends, alle drei Musikhochschul-Dozenten, mögen es dagegen lieber neutral, doch ein Trio Namenlos sind sie deshalb noch lange nicht: Tizian Jost am Piano, Rudi Engel am Kontrabass und Michael Keul am Schlagzeug haben auch als Musiker und Botschafter des Jazz einen exzellenten Ruf. Dass sie gerne in der Villa Sawallisch auftreten, liegt daran, dass dort das Programm ungewöhnlich vielfältig ist.

Konzentriert und neugierig lauscht der volle Saal den Hintergrund-Geschichten in den Ansagen von Michael Keul oder Tizian Jost, in denen sich reiches Dozenten-Wissen und die Lust am Entertainment aufs Beste mischen. Der Jazz und seine Heroen bieten ja auch reichlich anekdotisches und musikalisches Futter für Fans und Kenner, ein paar von ihnen sitzen im Saal, Gelächter und Applaus lassen darauf schließen.

Das Programm der drei ist aber nicht nur für sie gemacht, sondern so vielfältig angelegt, wie es zu diesem Platz passt, schließlich soll auch schon der Maestro Wolfgang Sawallisch in jungen Pianistenjahren mit dem Jazz experimentiert haben. Es geht los mit „Nobody Else but Me“ aus dem Musical „Show Boat“ von 1946 (dominantes Piano und ein irres Bass-Solo), gefolgt von einem Frühwerk von Tizian Jost mit dem Titel „Soft Rain“ (als er das Stück 1983 schrieb, war er ganze 17 Jahre alt und man hörte bereits seinen eigenen Stil). Darauf folgt ein Moll-Blues im Dreivierteltakt von Art Pottner (flottes Tempo und voller Energie), worauf „zur Beruhigung der Situation ein Standard aus dem Great American Songbook“ (Ansage Michael Keul) fällig ist: „Stairway to The Stars“, oft gesungen von Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughn und auch von Glenn Miller zu hören – und in der Trio-Version zum Dahinschmelzen schön! Vor der Pause folgen „Amsterdam after Dark“, geschrieben vom US-Saxofonisten George Coleman war das 1979 auch der Titel seines gleichnamigen berühmten Albums, wundervoll eingängig arrangiert von Tizian Jost. Als Rausschmeißer diente dann in rasantem Tempo der Jazz-Standard „If I Were A Bell“ von Frank Loessner aus dem Musical „Guys and Dolls“ aus dem Jahr 1950.

Mit einem gut gelaunten Bass steigt nach der Pause Rudi Engel in das cool swingende Stück „Lady Luck“ ein, 1962 vom Pianisten Thad Jones geschrieben. Die nächste Ansage kommt dann von Tizian Jost, der bekennt, dass er gerne Jazz und Brasilianisches mischt. Mit dem „Mambo Inflienciado“ von Chucho Valdés zeigt er dann, wie so etwas klingt. Es soll ein Moll-Blues sein, sagt Tizian, doch die Tonart ist gut versteckt unter viel brasilianischer Lebenslust. Über den Melodien-Fundus alter Tonfilme, den Jazzer gerne anzapfen, erzählt Michael Keul und hat auch gleich ein Beispiel parat: den Zarah-Leander-Song vom Wunder, das da einmal geschehen soll.

Dieser unsterbliche Evergreen sowie die letzten beiden Stücke des Abends, der Blues „Tokudo“ vom Bassisten Buster Williams und der Samba-Welthit „Tristeza“ von Haroldo Lobo – Mitsingen (La la lala la) war angesagt, die drei auf der Bühne hat’s gefreut – das alles waren schöne Beispiele für das Zitat von Joe Kienemann: „Es kommt nicht auf das Material an, sondern auf das, was man daraus macht.“ Jazzmusiker wissen, was er meint und ein Programm-Gestalter wie Andreas Baumgartner weiß das auch. Klaus Bovers

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