Gut gelaunt und heiter-ironisch

von Redaktion

Kabarettabend mit Claudia Pichler im Fichters in Ramsau

Ramsau – Nicht die ganz große Politik ist ihr vorherrschendes Thema, denn die kommt – entgegen Friedrich Dürrenmatts Annahme – nicht einmal mehr der Satire bei, die sie in ihrer Realität schon längst rechts außen überholt hat. Es sind vielmehr die mehr oder weniger großen Tücken und Untiefen des Alltags, mit denen sich jeder von uns konfrontiert sieht, und die er so gut es geht zu umschiffen sucht, die Claudia Pichler zum Thema ihres Kabarettabends beim Fichters in Ramsau macht.

Promoviert
über Gerhard Polt

Obwohl sie über Gerhard Polt promoviert hat, rückt Pichler ihren Themen nicht griesgrämig polternd, sondern im Gegenteil gut gelaunt, heiter-ironisch und mit viel Dynamik zu Leibe, wobei sie die Zuhörerschaft im bis ins letzte Eck besetzten Saal charmant mitzunehmen weiß. Alles nicht so schlimm, man hat die Sorgen und Alltagswahrnehmungen, die fast alle haben; schön und befreiend, wenn man herzhaft darüber und auch über sich selber lachen kann und einmal für zwei Stunden sonst keine größeren Probleme vor Augen hat.

Dialektpreisgekrönte
Schimpfkanonaden

Ihr Geburtsort München bietet schon gleich zahlreiche Anknüpfungspunkte, ausgehend von der Überlegung, woran es denn liegen könnte, dass die Münchner nicht nur im übrigen Deutschland, sondern sogar in Bayern nicht unbedingt beliebt seien.

Aber sie vermag das Publikum aus dem „Oberland“ hinsichtlich ihrer Person dann gleich zu beruhigen: „Ich komme in Frieden und fahr auch gewiss wieder heim!“ Und schließlich seien ja auch die Münchner selbst von mancher Heimsuchung geplagt; die zweite Stammstrecke und die Dauerbaustelle Münchner Hauptbahnhof sind da als Beispiele wirklich hinreichend, findet die Kabarettistin.

Jeder von uns mit etwas Münchner Erfahrung kann in etwa die dialektgeladenen Schimpfkanonaden eines Obsthändlers vom Viktualienmarkt antizipieren, bei dem sich die Kundin nicht entscheiden kann, oder des Metzgers, bei dem ein Kunde nach veganen Würsteln fragt. Diese in ihrem „Münchenlied“ verarbeiteten geradezu eruptiven Ausbrüche spezifischsten „Münchner Charmes“ sind sicherlich einer der Höhepunkte des Abends, auch wenn man besser nicht zu viel und laut lacht, damit man auch alle Finessen des atemlos vorgetragenen, bildgewaltigen Beleidigungsvokabulars mitbekommt. Und spätestens jetzt ist auch jedem klar, warum Pichler die verdiente Trägerin des bayerischen Dialektpreises ist.

Loblied auf Essigessenz
und Supermarkt-Fliegen

Herrlich auch ihr Loblied auf die Essigessenz, die hinsichtlich einer angemessenen Würdigung ihrer Vielseitigkeit völlig vernachlässigt wird. Auf sie finden sich über die „erhöhte Herzfrequenz“ hinaus noch viele andere originelle Reime, die dem Publikum die Lachtränen in die Augen treiben.

Und im „Liebeslied“ wird die intensive und nachkommenreiche romantische Beziehung der Fliegen im Supermarkt beleuchtet, wobei, bedingt durch familiäre Vorbelastung, ohnehin Tiere als roter Faden den Abend durchziehen, bis hin zur Familienaufstellung für Rauhaardackel.

Mit Einschlafstörungen und Schlaflosigkeit wird dann ein weiterer Themenkreis angeschnitten, welcher, gerade in diesen Zeiten, auch der Zuhörerschaft nur zu vertraut sein dürfte und der die vielfältigsten Anknüpfungspunkte bietet, bis der „innere Hamster“ dann endlich einschläft. Und als Pichler beim klassischen Schäfchenzählen bei 243 Millionen angekommen ist, fragt sie sich, ob Alexander Dobrindt noch gut wird schlafen können, da er diese Zahl in Euro mit seiner gescheiterten Pkw-Maut in den Sand gesetzt habe.

Sonst findet aus der Politik vor allem Markus Söder etwas breitere Erwähnung, was aber daran liege, so Pichler, dass mindestens ein verpflichtender Reim auf den Namen des Ministerpräsidenten bei einem Kabarettabend in der bayerischen Verfassung festgeschrieben sei. Allerdings würde sie darüber hinaus dessen „Kreuzerlass“ gerne noch durch einen „Wursterlass“ ergänzt sehen.

„Der Depp“ hat keine
weibliche Form

Und auch sonst bescheinigt sie dem Ministerpräsidenten ein sicheres Gespür für hochemotionale Themen. So könne man sich beim Gendern wirklich nur auf gefährliches Glatteis begeben, wie schon ein ganz einfaches Beispiel zeige: Untertags heiße es „der Weizen“ und „das Korn“, nach Feierabend dann „das Weizen“ und „der Korn“. Und von manchen Wörtern gebe es gar keine weibliche Form, man nehme nur „der Depp“.

Ultimative Exitstrategie
zum Abschied

Nur konsequent erschien es, dass Pichler ihrem begeisterten Publikum am Ende einen „Dank für eure Risikobereitschaft, die euch heute hierhergeführt hat“ aussprach und als Abschiedsgeschenk noch einen äußerst nützlichen Alltagstipp mit auf den Weg gab, eine „ultimative Exitstrategie“, mit der man einseitige verbale Dauerberieselung definitiv, aber trotzdem absolut höflich beenden könne – und mit der man auch diesen Artikel perfekt abrunden kann: „Jetzt halt i Sie aber nimmer länger auf!“

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