Im Sommernachtstraumwald

von Redaktion

Die Wiener Philharmoniker als Geburtstagsgeschenk im Festspielhaus Erl

Erl – Nicht jeder bekommt zu seinem 80. Geburtstag ein Konzert der Wiener Philharmoniker geschenkt. Da muss man schon Hans Peter Haselsteiner heißen und Präsident der Tiroler Festspiele Erl sein. Das Konzert war im Nu ausverkauft und fünf zusätzliche Reihen mussten noch eingebaut werden. „Das muss man schon mitnehmen, wenn sowas gleichsam vor der Tür liegt“, war der Tenor der Tiroler Besucher. Aber auch aus Bayern kamen viele Zuhörer. Das Programm war überraschungsfrei geburtstagstauglich: klassisch-romantisch. Der Applaus war riesig, herzlich und hartnäckig – aber es gab keinerlei Zugaben, weder von der Solistin noch vom Orchester.

Walzer nach
Wien tragen

Die Wiener Philharmoniker loben, hieße Walzer nach Wien tragen. Aber schon mit den ersten geheimnisvoll leisen und warmen Holzbläsertönen und den flirrenden, elfengleichen Geigen-Staccati versetzten die Wiener die Zuhörer in einen Sommernachtstraumwald in der Ouvertüre zu Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, die Felix Mendelssohn Bartholdy schon mit 17 Jahren komponiert hatte. Am Pult stand die amerikanische Dirigentin Karina Canellakis. Die gab mit genauen und auch eleganten Gesten energisch-feurige Impulse, bedachte immer alle Instrumentengruppen mit Aufmerksamkeit und sorgte dafür, dass man dieses wohlbekannte Werk wieder ganz neu hörte: Wohlig freute man sich über das weichwogende Singen der Streicher zu den Halteakkorden der hervorragenden Holzbläser und erstaunt entdeckte man die wie im Dunkel suchenden Töne der Tuba.

Weiter ging’s wieder mit Mendelssohn, mit seinem e-Moll-Violinkonzert. Hierzu kam Albena Danailova auf die Bühne, seit 2011 Konzertmeisterin der Wiener Philharmoniker. Die Noten, die sie vor sich aufgebaut hatte, brauchte sie eigentlich nicht: Mit Entschlossenheit und sofortigem Führungsanspruch stellte sie das Thema vor und steuerte durch die Arpeggien und Triolenfigurationen, ihr warm leuchtender Ton trug mühelos bis in die obersten Reihen. Immer blieb sie entschieden souverän und verzärtelte oder versüßelte nichts. Die Kadenz trug sie mit Grandezza, aber auch durchaus mit Darstellungslust vor und produzierte Spannung bis zur Reprise. Das Violin-Lied ohne Worte dieses zweiten Satzes ging die Geigerin bei aller Süße ohne Sentimentalität an, die Dirigentin neigte sich immer wieder ihr zu und ging solidarisch mit ihr mit.

Begeisterter
Zwischenapplaus

Den Übergang zum Finale störte der sofort losbrechende Zwischenapplaus: Die Zuhörer waren einfach begeistert von dieser Geigerin. Die bestimmte auch das Tempo im vor Spielwitz sprühenden Finale, nahm es nämlich wirbelnd schnell, sodass ihre Töne wie kleine
Elflein übereinander purzelten, dazwischen sangen die Celli ihre herrliche Melodie: wahrer Wohlklang und interpretatorische Reife.

Die Beethoven-Sinfonien spielen die Wiener gleichsam aus der Hosentasche. Bei der Symphonie Nr. 2. saß Albena Danailova wieder am ersten Pult. Den suchenden Beginn ließ Karina Canellakis energisch sich ereignen, noch energiegespeister kamen dann das Thema und das Seitenthema, ganz plastisch in den Raum gestellt, sodass man hörte, wie die kleine Drehfigur des Hauptthemas sich durch alles hindurchwindet und die Themenverarbeitung dominiert. Alles kam hier straff und etwas robust. Sehr weich sang dafür – wieder nach Zwischenapplaus – das Larghetto im fast schon Schubert’schen „Wander-Rhythmus“. Immer wieder ließ die Dirigentin die „Verweile-doch!“-Stellen auskosten, wie den schönen Dialog von Geigen und Holzbläsern und die Wanderung der Motive durch die Instrumentalgruppen. Nach dem etwas gemütlich gespielten Scherzo vergnügten sich die Musiker sicht- und hörbar mit den zahlreichen Synkopen und Sforzati des humorig-übermütig wirbelnden Finales mit einem wahren Feuerwerk an Pointen. Wie die Wiener Philharmoniker instrumentale Geschlossenheit mit absoluter Transparenz und altgediente Souveränität mit immer neuer Spielfrische verbinden, trieb auch hier die Zuhörer zum verdienten Applaus.

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