„Nicht nur einfach konsumierbar“

von Redaktion

Andreas Baumgartner über das Programm der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung Interview

Grassau – Das appetitanregende Bonmot vom Grundnahrungsmittel nutzt Andreas Hérm Baumgartner gerne, oft verbunden mit der Empfehlung, sich beim Konsum nicht „vor einer hohen Dosis zu scheuen“. Das OVB hat sich mit Baumgartner über die Konzertprogramme der Wolfgang Sawallisch-Stiftung unterhalten, seit Anfang 2024 verantwortet er alles, was auf dem „grünen Hügel“, wie die Grassauer die Villa Sawallisch verorten, musikalisch und kulturell geboten wird.

Sie haben gerade erst Ihr viertes Halbjahres-Konzert-Programm gestartet und schon jetzt wird Ihr Angebot allseits wegen seiner Vielfalt gelobt. Was bewegt Sie, wenn sie zweimal im Jahr an die Planung Ihres Programms gehen?

Ich denke dabei eigentlich nie nur musikalisch, sondern immer auch an die Gesamtsituation in unserer Gesellschaft. Wir neigen ja gerne zum Schwarz-Weiß-Denken, zum Entweder-oder. So etwas beschäftigt mich, denn hier entsteht zwischen den Extremen ein Hallraum, in dem die Musik in ihrer Vielfalt viel als Korrektiv leisten kann. Ich denke, dass in diesem Raum zwischen den Extremen das eigentliche Leben spielt und dafür will ich mit unseren Programmen sensibilisieren.

Apropos Extreme: Da fällt einem die schon leicht abgenutzte, aber immer noch verwendete Differenzierung zwischen E- und U-Musik ein. Wie halten Sie es damit?

Für mich gibt es eigentlich nur qualitativ gute, hochwertige und qualitativ weniger gute Musik. Wir bringen bei uns Konzerte und Veranstaltungen aus allen Bereichen, und Angebote aus der sogenannten U-Musik würden bei uns sicher nicht stattfinden, wenn sie nicht die nötige Qualität hätten.

Haben Sie dafür ein paar Beispiele?

Nehmen Sie einfach unser aktuelles Programm-Halbjahr, das eine große Vielfalt aus allen Bereichen bietet. Am 14. Februar tritt Michael Krebs auf, Liedermacher am Klavier und Kabarettist mit seinem Programm „Optimismus – jetzt stark reduziert“ und gleich danach am 28. Februar wird im Hefter-Kultur-Saal Georg Friedrich Händel als Meister des Barock gefeiert, mit einem großen Auftritt der Accademia di Monaco und Sängerinnen. Am 6. März kommt aus Tokio das AOI Trio mit seinem Konzert „Von Geistern und Stimmen“. Als Klavier-Trio haben sie 2018 den ARD-Musikwettbewerb gewonnen und geben jährlich 20 Konzerte weltweit. Am 30. April tritt im Hefter-Kultur-Saal ein ganz anderes Trio auf, zum zweiten Mal präsentiert Manni Müller aus Grassau am Schlagzeug, mit Stephan Weiser (Piano) und Yvo Fischer (Bass) „Songs & Stories: die größten Pop/Rock-Hits und ihre Geschichten“. Das wird wieder ein sehr unterhaltsamer Abend. Vielfalt ist bei der Programmarbeit immer meine Grundidee, ein Angebot, das nicht nur einfach konsumierbar, sondern in seiner Vielseitigkeit auch zumutbar ist und neugierig macht.

Halten Sie es für denkbar, dass die Gesellschaft, also auch Ihr Publikum, im Grunde auf diese Vielfalt wartet?

Ja, ich glaube, es gibt diese Sehnsucht nach Vielfalt, nach Komplexität. Etwas so Lebenswichtiges wie die Musik von verschiedenen Seiten zu beleuchten, dabei verschiedene Facetten aufzuzeigen, das ist einfach essenziell! Schon zu Beginn meiner Dirigentenlaufbahn haben mich die Blickwinkel interessiert, die nicht die gewohnten, eher die gegenläufigen sind. Ich glaube, es ist immer das Beste, wenn man das, was man selbst interessant findet, mit Begeisterung teilt und weitergibt.

Um ein Programm dieser beachtlichen Fülle auf die Bühne zu bringen, braucht es wohl Kontakte ohne Ende, wie ist das bei Ihnen?

Begeisterung für die Musik ist keine Einbahnstraße, und so entstehen im Laufe des musikalischen Wirkens die Kontakte ganz von allein. (Ein Statement, das bescheiden klingt, ein Blick auf seine Vita lässt ahnen, was dahintersteckt) Ja, unser Programm hat Fülle und das mit voller Absicht. Letztes Jahr waren es 75 Konzerte, dieses Jahr werden es 80 sein. Musik und Kultur sollten zum täglichen Brot gehören, ein Grundnahrungsmittel für Seele, Geist und den Verstand, das man sich möglichst oft gönnen sollte.

Bei den Preisen im Vergleich zu München oder dem Kuko in Rosenheim hat die Villa Sawallisch offenbar einen guten Stand.

Ja, ich höre immer wieder, dass wir günstig seien, und damit hat unser Programm die Chance, dass es normal wird, sich bei Sawallisch auf Entdeckungsreise zu begeben. Und weil ich mich gerne mit unseren Gästen unterhalte, weiß ich, dass sie auch dann kommen, wenn ihnen manche Werke unbekannt sind. Aber unser Publikum ist wunderbar neugierig, sie wissen, dass es in der Villa immer spannend ist.

Weil Sie die Villa erwähnen: Gäste, die sie zum ersten Mal betreten, sind ohne Ausnahme begeistert vom privat stilvollen Ambiente aus den 60er-Jahren, gerade im Sommer, wenn in der Pause Park und Terrassen offenstehen. Was würde eigentlich der Hausherr Wolfgang Sawallisch (1923 – 2013) zu den aktuellen Programmen sagen?

Die Fülle und die Vielseitigkeit würden wohl seiner Art entsprechen. Er selbst hat in seiner Karriere als Musiker und Dirigent von der Kammermusik bis zur großen Oper alles gemacht und dabei auch mal nicht so Populäres aufgegriffen. In jungen Jahren hat er sich als Pianist auch am Jazz versucht, doch unsere konstante Förderung junger Musiker durch die Stiftung und ihre Meisterkurse würde ihn wohl am meisten freuen. Die Förderung des begabten Nachwuchses, das war sein großer Schwerpunkt, das war immer seins. Und meines übrigens genauso. Die Grassauer Musikschule, aktuell die größte im Landkreis Traunstein, hatte er dabei immer besonders im Auge. Interview: Klaus Bovers

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