Rosenheim – Sparzwang allerorten. Und des Rotstifts liebstes Kind ist die Kultur. Umso erfreulicher und dankenswerter, dass die Stadt Rosenheim nach wie vor an dem „Luxus“ von vier Meisterkonzerten pro Saison festhält. Da sind natürlich möglichst renommierte Künstler und allgemein vertraute Werke und Komponisten aufzubieten, um das große Kuko einigermaßen mit Enthusiasten zu füllen. Zumindest bei Romantik und großen Gefühlen sagt kein Publikum nein.
Sympathisches
Orchester
Das sympathische und sehr motivierte slowenische Orchester hatte Bestseller im Gepäck: Max Bruchs 1. Violinkonzert in g-Moll und Tschaikowskys 6. Symphonie, die in aller Welt heißgeliebte „Pathétique“. Halt, noch ein Programmpunkt stand zur Debatte: Die Slowenen hatten aus ihrer Heimat den hierzulande völlig unbekannten Anton Lajovic mitgebracht mit dem „Adagio für Orchester“ aus dem Jahr 1900.
Interessant, dass dieser als Richter seine Karriere am Obersten Gerichtshof zu Ljubljana beschloss. Seiner Musik nach kann er sicher kein trockener Jurist gewesen sein. Mit weit ausholenden Gesten beschwor der junge Dirigent Kakhi Solomnishvili die sanft gleitende Musik von Lajovic, welcher dem großen Orchester reizvolle Farben abgewann und es mehrfach zu emphatischen Steigerungen antrieb.
In seiner unterhaltsam-informativen Einführung meinte Christoph Schlüren, wir würden dieses Stück nur einmal im Leben hören: Slowenische (klassische) Musik würde man sogar vergeblich beim berüchtigten Versand-Riesen Amazon suchen… Bei Max Bruchs so eingängigem 1. Violinkonzert ahnt man nicht, wieviel Schweiß und Selbstzweifel den Komponisten gequält haben. Der große Geiger Joseph Joachim, der auch Brahms beraten hat, nahm Bruch unter seine Fittiche und gab ihm schriftlich jede Menge Tipps. Nicht nur ärgerte sich Bruch über den ausschließlichen Erfolg des mit 20 Jahren geschriebenen Erstlings, er wollte auch nichts von der Veröffentlichung des Briefwechsels mit Joachim wissen: „Das Publicum muss ja beinahe glauben, wenn es das liest, Joachim habe das Concert gemacht, nicht ich“.
Der Solist Oscar Bohórquez interpretierte mit großer Musizierfreude und ohne dem Werk zuviel an Süße aufzubürden. Unprätentiös ließ Bohórquez Bruchs Melodien geradezu frühlingshaft aufblühen, ohne zu forcieren, also ohne klebrige Geschmacksverstärker! Als Zugabe gönnte der Geiger dem Publikum eine poetische Eigenkomposition.
In seinem Einführungsvortrag unterhielt sich Christoph Schlüren mit dem Solisten. In Deutschland aufgewachsen, reichen seine Wurzeln tief in die lateinamerikanische Welt. Es wäre sicher interessant, wenn sich weiterhin Musiker der Meisterkonzerte zu einem lockeren Plausch mit Christoph Schlüren bereitfänden!
Vom französischen Salon in den Rausch archaisch brutaler Wildheit? Auf dieses Gegensatzpaar lässt sich Tschaikowsky sicher nicht reduzieren. Dazu ist seine Palette zu differenziert, und seine Ausdrucksmöglichkeiten sind zu vielfältig. Da müssen nicht nur seine Fans in Begeisterung geraten, sondern auch reserviertere Hörer dem „umstrittenen“ Meister Gerechtigkeit widerfahren lassen. Angeblich ertönt die „Pathétique“ in Rosenheim bereits zum dritten Mal. Auch die Slowenen dürften sie schon öfter gespielt haben. Aber nichts war von gelangweilter Routine zu bemerken. Das Orchester beherzigte das, was Christoph Schlüren dem Publikum empfahl, nämlich zu versuchen, diese so präsente Musik wie zum ersten Mal zu hören.
Feuer, Glamour
und Ekstase
Die Slowenen stürzten sich mit Freude in die Abenteuer eines quasi Dostojewski-Romans, gaben den Walzerseligkeiten Feuer und Glamour und versenkten sich auf berührende Weise in die Depressionen des Komponisten. Sie waren aber auch blitzschnell zur Stelle, als mit brutaler Gewalt der wilde archaische Tumult losbrach. Als der vorletzte Satz (Allegro molto vivace) mit ekstatischem Furioso endete, gab es reflexartig „Zwischenapplaus“.
Kakhi Solomnishvili führte mit Temperament und Umsicht seine Mannschaft durch alle Höhen und Tiefen der Partitur. Seine Impulse und seine Bemühungen um die Klarheit der Struktur kamen reaktionsschnell und exakt. Das Orchester durfte sich wohlfühlen unter seinem Chefdirigenten und dankte es mit nobler Klangkultur. Herzlicher und nachdrücklicher Applaus! Und eine Zugabe aus Dvoraks „Slawischen Tänzen“ – das war nach dem dunklen, verzweiflungsvollen letzten Satz der Tschaikowsky-Symphonie ein froh stimmender, beschwingter Abschluss.