Bruckmühl – Bayern und Thüringen sind nicht nur musikalische Nachbarn. Elisabeth (geboren 1207), spätere Landgräfin von Thüringen, wurde wegen ihrer Mildtätigkeit gegenüber der armen Bevölkerung heiliggesprochen und ist seit Generationen ein beliebter Mädchenname in Bayern. Der spätere bayerische König Ludwig I. heiratete 1810 die Thüringer Prinzessin Therese von Hildburghausen. Auf diese Hochzeitsfeierlichkeiten geht das Oktoberfest auf der Theresienwiese in München zurück. Im Glasmacherort Lauscha im Thüringer Wald gibt es musikalische Beziehungen zu Tirol und Oberbayern, es wird gejodelt – und Oktoberfestlieder aus der Zeit um 1900 wurden an den Stammtischen und in den Familien gesungen.
Zum Beispiel: „Das Loisachtal“ oder „Der steirisch-bayerische Landler“ mit sprachlichem Anklang an das Bayerische: „Und‘s Dirndl hat gsagt, i soll kemma auf d‘Nacht und i soll mi vors Fensterl histelln, und i soll ihr an steieriarischen, bayeriarischen, steieriarischen Landler aufspieln“. In Hildburghausen lebte auch der Seminarmusiklehrer Johann Michael Anding (1810 bis 1879), der in seiner Liedersammlung viele Gesänge aus der mündlichen Überlieferung der Dorfleute aufzeichnete, von denen einige auch in Oberbayern bekannt waren, so auch das Wochentagslied „Was ist heut für a Tag“ oder die Geschichte „Im Himmel, da fang ich mir a Maus“. Anding hat auch für Männerchöre ein Gesellschaftslied komponiert, das wir noch in den 1960er-Jahren in der Schule gelernt haben: „Mein Vater war ein Wandersmann und mir steckts auch im Blut, drum wandre ich froh, solang ich kann und schwenke meinen Hut. Valderi, valdera“.
In der Kleinstadt Kranichfeld bei Weimar lebte der Dichter Rudolf Baumbach (1840 bis 1905), von dem wir ein Postkutschen-Lied kennen, das durch Alt-Bundespräsident Walter Scheel wieder bekannt wurde: „Hoch auf dem gelben Wagen sitz ich beim Schwager vorn. Vorwärts die Rosse traben, lustig schmettert das Horn. Felder und Wiesen und Auen, leuchtendes Ährengold, ich möchte ja so gerne noch schauen, aber der Wagen, der rollt“.
Viele Thüringer Musiker haben zu Dichtertexten weitverbreitete Liedmelodien gemacht: Vom Musiklehrer Heinrich Werner stammt 1823 die Melodie zu Goethes „Sah ein Knab ein Röslein stehn“.
Gesangslehrer und Organist Karl Zöllner vertonte 1844 das Gedicht von Wilhelm Müller „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Von Kapellmeister Albert Methfessel (1785 bis 1869) stammen Tanzmelodien, die in gedruckter Form weit verbreitet wurden und auch Eingang in Musikantenhandschriften in Oberbayern fanden.
In Kirchdorf am Haunpold (Markt Bruckmühl) fand sich sein „Schäfertanz-Polka“ und der Galopp „Ach wie ists möglich dann, dass ich dich lassen kann“. Bei einer Hochzeitsfeier in Töging konnte ich 1979 im Weinstüberl bei der älteren Generation ein Trinklied aus seiner Feder (1820) in oberbayerischer Fassung aufzeichnen: „Hoch schwingen wir den Hut. Der Wein, der Wein ist gut. Der Kaiser trinkt Burgunderwein, Herr Wirt schenk nochmals ein“. Gerade auch für das Singen der Kinder entstehen im 19. Jahrhundert in Thüringen Lieder, die wir alle noch kennen: So gestaltet der Lehrer Ernst Anschütz (1780 bis 1861) das Weihnachtslied „O Tannenbaum“ aus traditionellen Teilen in heutiger Form.
Auch „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ bringt er um 1824 für den Schulgesang in der Volksschule in die heute noch bekannte Form.
Der Begriff „Kindergarten“ wurde in den 1830er-Jahren von Friedrich Fröbel (1782 bis 1852) aus Oberweißbach erfunden! Er gestaltete viele Singspiele und Lieder für die Kinder in Anlehnung an das natürliche Singen und Spielen. Das „Taubenhaus“ gehört zu seinen bekanntesten Singspielen. Es ist beachtlich, was sich aus der Erfindung von Fröbel bis heute entwickelt hat und in wie viele Sprachen sein neues Wort Eingang fand. Beim Informations- und Singabend „Vom Taubenhaus zum Dudlpfeifer“ am Freitag, 13. Februar, um 19 Uhr im Büro vom Förderverein Volksmusik Oberbayern (Bruckmühl, Pfarrweg 11) erkunden die Teilnehmer mit Eva Bruckner und Ernst Schusser viele Lieder aus Thüringer Quellen und erfahren Wissenswertes über Fröbels „Kindergarten“. Jeder Teilnehmer erhält kostenlos die Dokumentation „Auf den Spuren der musikalischen Volkskultur in Thüringen“ (480 Seiten). Um Anmeldung wird gebeten unter 08062/ 8078307 oder per Mail an ernst.schusser@heimatpfleger.bayern. Ernst Schusser