Traunstein – Einen weiten Bogen der Klavierkammermusik spann das Konzert in der Villa Sawallisch, ein Abend, an dem Wolfgang Sawallisch seine Freude gehabt hätte. Bekam das Klavier doch eine tragende Rolle und waren die Mitwirkenden allesamt vom Bayerischen Staatsorchester, ein Ensemble, das Sawallisch so liebte, wie Andreas Hérm Baumgartner, Vorstandsvorsitzender der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung, dem zahlreich erschienenen Publikum verriet.
Mozart
zum Einstieg
Den Auftakt machte das Klavierquartett von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) Köchelverzeichnis 493 in Es-Dur. Hier kosteten Rita Kunert (Violine), Clemens Gordon (Viola), Roswitha Timm (Violoncello) und Dmitri Vinnik (Klavier) grazile Rokoko-Melodik mit verhaltener Transparenz aus. Alternierend zum Klavier mit klarer Diktion kam der homogene Klang von Violine, Viola und Violoncello besonders gut im Larghetto zur Geltung. Der begnadete Dialog setzte sich im allegretto-Finalsatz fort: flott, bewegt und doch abgeklärt. Mit dem Geiger David Schultheiß, Konzertmeister des Bayerischen Staatsorchesters, war das Ensemble Isura, wie sich die fünf nennen, für das weitere Programm komplett.
Spannend war das zweite Werk des Abends, das Klavierquintett opus 1 in c-Moll von Ernö (Ernst von) Dohnányi (1877 bis 1960): intensiv, expressiv, spätromantisch, mit Anklängen an Brahms. Ein wunderbar kommunikatives Spiel, ein jugendlich-frischer, kompakter Klang, dunkel gefärbt, aber auch heiter-melancholisch. Erfüllend war der schöne, lyrische Schmelz im tief-romantischen Allegro-Kopfsatz, das Scherzo bereitete ob des unbeschwerten, belebten Musizierens eine wahrlich heitere Stimmung.
Mitwiegen und
muntere Taktwechsel
Das adagio quasi andante im elegischen Stil lud zum Mitwiegen ein und das Finale mit seinen munteren Taktwechseln war ein allegro animato „at its best.“ Großartig, wie leidenschaftlich das Quintett – das maestoso des ersten Satzes wiederholend – das Finale des Dohnányischen Werks auskostete. Was für eine ausdrucksstark gedeutete Interpretation. Doch die Sternstunde ging noch weiter. César Francks (1877 bis 1960) Klavierquintett in f-Moll besticht durch seine reizvoll chromatisch changierende Harmonik, die sich mal in kammermusikalischen, mal in beinahe orchestralen Klangwelten offenbart. Weich-kantabel, dann wieder dramatisch – der Eingangssatz im allegro ließ wahrlich nichts aus.
Träumerisch dann das lento con molto sentimento, ehe das Quintett zum finalen funkensprühenden Allegro non troppo ma con fuoco ansetzte. Chapeau dem ganzen Ensemble, das Satz und Klang nicht sinfonisch aufblähte, sondern bemerkenswert schlank hielt. Und doch meinte man beim Zuhören stets den Organisten Franck vor sich zu sehen, wie er mit den verschiedensten Orgelregistern spielte.
Klangliche Opulenz und intime Expressivität, ein Konzert zwischen Form und Gefühl hatte Baumgartner angekündigt. Da hatte er nicht zu viel versprochen. Danke für einen solch beglückenden Abend, den das Ensemble Isura mit einem erfrischenden Scherzo von Antonin Dvorák (1841 bis 1904) als Zugabe ausklingen ließ. Vor dem Konzert fand ein kleiner Empfang statt. Sandra Karmann vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv überreichte offiziell das „Findbuch Wolfgang Sawallisch“ an die Wolfgang-Sawallisch-Stiftung. Original-Dokumente, seien es Briefe, Karten, Glückwünsche, Artikel, Einladungen oder Tagebuch-Notizen, also den schriftlichen Nachlass des Pianisten und Komponisten (1923 bis 2013), hatte 2015 Rupert Schauer, der damalige Stiftungsvorsitzende der Sawallisch-Stiftung, dem Archiv unter Leitung von Direktor Dr. Christoph Bachmann als Schenkung übergeben.
Leben und Wirken
von Sawallisch
Im März 2024 begann die intensive Erschließung dieses Bestands. Das nun fertiggestellte Kompendium mit einem biografischen Vorwort von Monika Reger erfasst das Leben und Wirken von Wolfgang Sawallisch in 19 Kapiteln und 732 Archivalieneinheiten. Das Findbuch soll der Allgemeinheit zu Forschungszwecken zugänglich sein. Ehe Karmann auf einzelne Auszüge einging, umriss sie kurz die Vita des Pianisten und Dirigenten, der unter anderem in München, Köln, Hamburg, Wien, Italien, Japan und den USA wirkte. Andreas Hérm Baumgartner, seit 2024 Vorsitzender der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung, erinnerte in seiner Begrüßung an den Nachhall von Sawallisch: Dieser habe mit seiner 2002 gegründeten Stiftung Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur, Völkerverständigung und Heimatgedanken fördern wollen. Dieser Gedanke lebt in der Villa Sawallisch weiter, mit Konzerten und Meisterkursen. Grassau war seit den 60er-Jahren sein Refugium. Ein erhebender Gedanke, kann man doch in seinem Privatanwesen herrlicher Musik lauschen. Dass man nun auch dem Dirigenten und Komponisten in einem Findbuch folgen kann, ist dabei eine schöne, anregende Ergänzung.