Traunstein – Mit seinem neuen Programm „Ich bin das Volk“, das Severin
Groebner, einer der scharfsinnigsten Satiriker des deutschsprachigen Raums, sich nach eigenen Worten zum 30-jährigen Bühnenjubiläum selbst geschenkt hat, macht der 56-jährige Österreicher etwas, das für ihn tatsächlich neu ist: Er spielt einen ganzen Abend lang nur eine Figur.
Kein flinker Rollenwechsel, kein kabarettistisches Stimmenkaleidoskop – stattdessen ein Mann namens Walter, obdachlos, versoffen, und offensichtlich völlig größenwahnsinnig. Ein Autokrat mit Bademantel und einer hochtoxischen Portion an Realitätsverweigerung. Dass sich aus seinem vollen Namen, Walter Eissermann, „Alter weißer Mann“ schütteln lässt, ist freilich kein Zufall.
Alles beginnt und endet mit demselben Bild: Walter schläft auf einer Parkbank. Dazwischen entfaltet sich ein delirierender Machttraum, der so konsequent durchgezogen wird, dass man sich als Zuschauer bald fragt: Ist das Kabarett – oder mehr ein satirisches Theaterstück? Ist das, was wir sehen, eine bitterböse politische Analyse oder schlicht der Traum eines Betrunkenen? Groebner beantwortet diese Fragen nicht, und genau darin liegt die Stärke des Abends.
„Ich bin das Volk“ funktioniert wie ein Theater im Theater, oder noch genauer: wie ein Film im Kopf eines Mannes, der nichts mehr hat – außer sich selbst. Walter betrachtet, wie Narziss in der griechischen Mythologie, selbstverliebt sein eigenes Spiegelbild in einer Wasserpfütze. Ein schönes, schlichtes Bild für ein Programm, das ständig zwischen äußerer Lächerlichkeit und erschreckender Wiedererkennbarkeit pendelt.
Frau weg, Haus weg, Job weg – „da wird man normalerweise Reichsbürger“, erklärt Walter. Aber er will sich nicht selbst „bloß zum Bürger“ machen. Also die Umdeutung: „Meine Frau hat mich vor die Tür gesetzt, also vor das Tor … und jetzt bin ich Impera-Tor!“ Groebner liebt solche Wortspiele – und quittiert sie jeweils mit Eigenapplaus aus einer Lautsprecherbox. Andere nutzen Artificial Intelligence (künstliche Intelligenz), er nutzt Artificial Audience (AA; künstliches Publikum). Dass dieses Kürzel auch für Anonyme Alkoholiker stehen könnte, ist kein Zufall, sondern eine zusätzliche Bedeutungsschicht. Denn Walter säuft. Und zwar nicht aus Verzweiflung, sondern aus Überzeugung.
In grandioser Selbstüberschätzung erklärt er seine selbst verschuldete Dummheit zum Standortvorteil: „Man kann sich seine eigene Dummheit auch schön saufen!“ Und weiter: „Als Trottel wird mir keine KI meinen Job wegnehmen!“ Groebners Figur ist der Idealtypus eines modernen Cäsarenwahns: der Glaube an die eigene Göttlichkeit, Verschwendungssucht, theatralischer Schein, Heißhunger nach militärischen Triumphen – alles da, nur eben ohne Armee, ohne Volk, ohne Staat. Oder vielleicht gerade deshalb. Besonders stark sind die Passagen, in denen Walters politische Lösungen so radikal simpel sind, dass sie sich selbst entlarven.
Niemand soll wegen Hautfarbe, Geschlecht oder Religion benachteiligt werden – also darf niemand mehr wählen. Problem gelöst. Groebner nennt das folgerichtig eine „Dikta-Torheit“. Doch Walter ist durchaus zu Momenten der Selbsterkenntnis fähig: „Ich bin cholerisch, egoistisch, unzuverlässig, empathielos … mit solchen Eigenschaften bin ich doch im normalen Berufsleben nicht geeignet! Für einen Autokraten hingegen bin ich erste Wahl!“ Das Publikum lacht – und schluckt im selben Moment.
Groebner verteilt in seinem Staat Posten und Titel mit der Lust eines Kindes, das eine Fantasieregierung gründet: „Als Autokrat habe ich eine Menge toller Posten zu vergeben – echte Vollposten!“
Dazu Titel wie „Beherrscher des Druckers“ oder „Euer Unfähigkeit“. Selbst Religion wird gleich mit erledigt: „Glaubt an mich als Gott!“ Es folgt ein groteskes „Walter unser“, sein Geburtstag wird auf den 25. Dezember gelegt – er sei schließlich „walternativlos“. Blasphemie als Machttechnik, vorgeführt in einem alten, roten Flanellbademantel.
Doch Groebners Kritik richtet sich nicht nur nach rechts. Die modernen Linken bekommen ihr Fett ebenso ab: Ihre Superpower sei es, beleidigt und empört zu sein. „Aber beleidigte Empörung ist ungefähr so wirkungsvoll wie ein Pantomime in der Großraumdisco.“ Betroffenheit und Empörung seien vor allem eines: billig. Das sitzt, weil es nicht von außen kommt, sondern aus dem Mund einer Figur, die selbst jede moralische Glaubwürdigkeit verspielt hat.
Zwischendurch blitzen klassische Groebner-Bonmots auf: die Schweiz als Land, das vielleicht gar nicht die Bank hat, sondern von ihr „gehabt“ wird; „Rechtes Denken ist unsolidarisch – verstehen Sie? Unsolid und arisch!“ Oder der Satz: „Jede Bande ist ein kleiner Staat! Inzwischen ist es häufig umgekehrt: Jeder Staat ist eine kleine Bande!“
Das Demografieproblem wird zu einer urologischen Metapher: „Unser Kontinent wird langsam zum Inkontinent!“ Flach? Ja. – Treffend? Leider auch. Am Ende bleibt Walter auf der Parkbank zurück. War alles nur ein Traum? Oder ist dieser Traum nicht längst politischer Alltag?
„Ich bin das Volk“ ist weniger ein klassischer Kabarettabend als eine bitterkomische, politkritische Charakterstudie eines Möchtegern-Autokraten, die zeigt, wie nah Größenwahn, Inkompetenz, Macht und Ohnmacht beieinanderliegen. Groebner spielt das mit einer Lust am menschlichen Abgrund, die man ihm gerne abnimmt. Vielleicht ist das Entscheidende an diesem Abend aber nicht, dass Walter sich zusehends für Gott hält – sondern dass man als Zuschauer unweigerlich manchmal denkt: Jetzt fehlt ihm eigentlich nur noch ein Trump-Bogen… äh, Triumphbogen. Sebastian Schuhbeck