Ein umjubelter Abend mit Niedecken

von Redaktion

Persönliches, Poesie und kölsche Power: Wolfgang Niedecken und Mike Herting präsentierten Geschichten und Musik nicht nur von „BAP“ im Ballhaus in Rosenheim.

Rosenheim – Über 50 Jahre auf der Bühne, zunächst mit Schülerbands, dann 40 Jahre mit „BAP“ und gerade auf einer Art „Wohnzimmertour“ unterwegs: Wolfgang Niedecken hat auch im Süden der Republik seine Fans und gastierte im ausverkauften Rosenheimer Ballhaus.

Als „Sidekick“ und quasi „Kälberer“ hatte er sich seinen langjährigen Begleiter am Piano mitgebracht – Mike Herting. Ohne Nightliner, dafür mit Frau, Tontechniker und Hund stattete der „rheinische Bob Dylan“ erstmals Rosenheim einen Besuch ab, vor vielen Jahren war er wohl mal mit Udo Lindenberg in Bad Aibling.

Geschichten und
politische Statements

Für die vielen Fans gab es einen langen Erzähl- und Musikabend mit vielen Geschichten aus der Bandgeschichte, von den Eltern und auch einige klare politische Statements. Niedecken schilderte den autobiografischen Hintergrund vieler Songs, die oft auf seine eigene Herkunft aus der Kölner Südstadt anspielen. Das Verhältnis zum Vater spielt eine wichtige Rolle: „Mein Vater war erzkatholisch und Adenauers größter Fan“. Zum Glück auf Hochdeutsch gelesene Passagen wechselten mit seinen Songs, die er freilich auf Kölsch darbot. „Englisch und Kölsch sind ja Weltsprachen“. So wird das „g“ auf Kölsch zum „J“ – „ich habe dich gern“ wird dann zu „Isch han dich jän“, so wie das Bairische zeichnet das Kölsch „eine ausgeprägte lokale Identität und Gemütlichkeit“ aus, so die Erklärung in der „AI“.

Zwischen vielen weniger bekannten Songs kredenzte Niedecken auf der Gitarre, begleitet von wunderbaren Pianolinien Hertings, auch einige „BAP“-Hits. So wie „Maad et Joot“ als Erinnerung an nächtliche Lagerfeuer bei einer Türkeitour mit dem Campingbus und der Zeile „Met ührem Hanomag, däm ussrangierte, wießlackierte Jrenzschutzwrack“. Geschichten vom Nachtcafé in München („Was dürfen wir euch bringen?“ – „en Kaste Bier un en Öffner“) und Episoden vom alten und neuen „Chlodwig-Eck“, der Lieblingskneipe in Köln, unterhielten prächtig mit ihrer Alltagspoesie. Nach wie vor hinreißend intonierten die beiden „Do kanns zaubere“, eine der schönsten Balladen deutscher Rock-Geschichte („E weiß Blatt Papier, ne Bleisteff…“); hierfür gab es Extra-Applaus des eh schon begeisterten Publikums.

Botschafter der
Welthungerhilfe

Niedecken und „BAP“ standen schon immer fürs Einmischen, politische Haltung spiegelt sich in vielen Songs wider. Seit 2025 ist Niedecken offizieller Botschafter der Welthungerhilfe, er engagiert sich für ehemalige Kindersoldaten im Kongo. Songs wie „Kristallnaach“ und „Arsch huh, Zäng ussenander“ passen zu seinem Statement im Ballhaus: „Die AfD ist ebenso wenig eine Alternative für Deutschland wie die DDR demokratisch war“ – stark umjubelt in Rosenheim. Der mit einer Spielzeit von netto drei Stunden und mit vielen anrührenden und interessanten Wahrnehmungen angereicherte Auftritt mündete schließlich in zwei „Klassiker“ mit viel kölscher Power: „Verdamp lang her“ und „Jraaduss“ wurden vom Chor des Ballhauses dankbar aufgenommen und mitgesungen. Niedecken merkte noch an, er könne es nach 50 Jahren immer noch nicht verstehen, dass man unbedingt Kölsch verstehen wolle, „aber ich werde auch die nächsten 50 Jahre op Kölsch singe“.

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