Rosenheim – Ein Selbstmord will gut geplant sein: Ort (ein Betonpfeiler einer Eisenbahnbrücke), Zeit (nachts) und Hilfsmittel (ein Bolzenschneider fürs Stahlnetz) müssen bedacht werden – und das Wetter: Mondschein soll den letzten Augenblick beleuchten. Alles hat Gunther mit beamtenmäßiger Penibilität geplant – nur nicht die Möglichkeit, dass ein anderer Mensch denselben Plan an derselben Stelle zur selben Zeit hat. Und so treffen der lebensmüde Gunther und die lebensverzweifelte Yvy aufeinander, reden, streiten und sich erklären: „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot!“, formulierte schon Gottfried Benn.
Zum Überleben
braucht man andere
Reden ist Leben. Das merkt man spätestens, als Yvys Mann Ingo auftaucht. „Mondscheinspringer“ heißt das tragikomische Stück, Frank Piotraschke hat es geschrieben, die „Theaterinsel“ hat es inszeniert (Dauer: ca. zwei Stunden).
Die Regisseurin Angela Putner hat alles sorgfältig inszeniert. Die Bühne dominieren zwei schmale Podeste, die die zwei Protagonisten trennen und nur mit einem schwierigen Balanceakt zu verbinden sind: Symbol für die Ferne zwischen zwei Menschen. Hinunter auf die Podeste kann man, wieder hinauf kann man aber nicht allein: Zum Überleben braucht man andere Menschen. Das Licht imitiert Mondscheinlicht: karg, aber hell genug. Ab und zu hört man einen Zug vorbeifahren. Besser wäre gewesen, diesen Zug in den vielen Denkpausen fahren zu lassen. Die verringern nämlich das Erzähltempo.
Oliver Heinke ist der penible Suizidplaner Gunther („Zum ‚ü‘ hat‘s wohl nicht mehr gereicht“, spöttelt später Yvys Mann Ingo). Ein Mann in spießig-beigem Anzug mit Aktentasche, Brille, die er immer wieder zurechtrückt, und schütterem Haar, das er immer wieder nach vorne streicht, sich sozusagen daran festhält. Yvy hält sich an der Prosecco-Flasche fest, an der sie ständig nuckelt, gürtet ständig ihren Sommermantel, unter dem sie ein Glitzerkleid trägt, das sie nur kurz einmal in Gänze zeigt. Gunther formuliert genauso penibel, wie er ausschaut, anfangs ziemlich stotternd, später immer flüssiger. Er ist auch der Pointen-Bringer, der das Publikum immer wieder zu jauchzendem Lachen reizt. Warum er sich umbringen will, wird nicht ganz klar: Er hat seine Mutter bis zum Tode gepflegt, jetzt fehlt ihm ein Lebensinhalt. „Ich kann nicht mit Menschen“, sagt er einmal, seine Soziophobie erklärend. Sympathisch wirkt sein leichter Ruhrpott-Akzent, genauso wie der leichte französische Akzent bei Olivia Raclot, die Yvy spielt, die Nagelstudio-Besitzerin, die mit ihrer Finanzplanung überfordert ist und von ihrem Mann betrogen wird. Sie wirkt einfach menschlich, eben wie eine knapp 40-Jährige, die sich nicht mehr wohl in ihrer Frauenhaut fühlt. Mit ihrer Dauer-Suada nervt sie Gunther, aber irgendwann kommen sie sich – nicht räumlich, aber menschlich – näher und teilen sich sogar ein Salamibrot und eine Cognacflasche, die Gunther aus seiner Aktentasche holt. Dieses Näherkommen ist der Inhalt des Stückes, eine gekonnte Mischung aus Spannung und Komik, von den beiden gut serviert.
Schwung in die Handlung bringt schließlich Ingo, Yvys Ehemann. Thomas Müller spielt ihn in perfekter Artikulation ganz natürlich als den Normalo-Mann, der wenig über Gefühle redet, aber eigentlich zuverlässig ist. Irgendwann öffnet er sich doch und erzählt, vom Spotlicht beleuchtet, eine traurige Episode aus seinem Leben. Natürlich kommen er und Yvy wieder ins Streiten, aber nun wissen wir ja: Reden ist Leben. Und im Verlauf dieses Streits kommt Yvy zur lösenden und erlösenden Formulierung über das menschliche Zusammenleben: „Einfach mal zuhören!“
Hinweis
auf Krisenhilfe
Das Programmheft rät dazu: „Bei www.krisendienste.bayern erhalten Sie qualifizierte Soforthilfe bei psychischen Krisen und psychiatrischen Notfällen aller Art“. Yvy hat eine pragmatischere Hilfe. Weitere Vorstellungen gibt es an vielen Wochenendterminen bis zum 21. März, freitags und samstags um 20 Uhr, sonntags um 17 Uhr. Karten gibt es unter kontakt@theaterinsel.de oder unter Telefon 08031/9008203. Am 21. Februar kommt Frank Piotraschke zu einem Autorengespräch.