Rosenheim – Enttäuschte Konzertbesucher mussten unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Grund: Die Matinée des Tonkünstlerverbands war restlos ausverkauft, obwohl der Hans-Fischer-Saal im Rosenheimer Künstlerhof für die Kultur nicht nur eine gute, sondern auch eine sehr geräumige „Stube“ ist. Die vielen Zuhörer aber durften eine farbensprühende Musik erleben mit Tango, Streichquartett, Bandoneon und dem Bandleader Facundo Barreyra.
Letzterer, Komponist, Musiker und Arrangeur in einer Person, hatte Gleichgesinnte um sich geschart: Regine Noßke und Juli Linden (Violine), Christopher Zack (Viola) und Elizabeta Crnojevic (Cello). Mit Leidenschaft zündeten die souveränen Musiker feurige Rhythmen und treffende Pointen. Doch das Motto „Tango Kammermusik“ gab die Richtung an, denn der aus Buenos Aires stammende Barreyra möchte die argentinische Volksmusik mit der „europäischen Tradition des Streichquartetts“ verbinden. Der Versuch, als Zugabe das Publikum sich real im Tango-Rhythmus bewegen zu lassen, scheiterte zwar an der Sesshaftigkeit der doch meist älteren Herrschaften. Wie sehr aber der Tango einer Kultur angehört, die alles andere als überflüssig ist, bewies des Meisters Eigenkomposition „Milonga in Dnipro“. Dazu erzählte Barreyra, dieses Stück habe er seinem Freund, einem Tangotänzer in der Ukraine geschickt, der dort regelmäßig mit seiner Community auf öffentlichem Platz tanzen lässt. Die Frage, ob das nicht gefährlich sei, kontert der Freund mit „Oh ja, total! Aber ohne Tango wären wir schon tot!“
Von solchen Fährnissen waren die elektrisierten Rosenheimer in der hiesigen Komfortzone natürlich weitab. Es gab nach jedem Stück heftigen Beifall, wobei das Publikum die feinen, filigranen Partien „voll tiefsinniger Wehmut“ durchaus zu würdigen wusste. Ein Beispiel: Astor Piazollas berühmtes „Oblivion“ (Vergessenheit“) begann mit einem weltentrückten Cellosolo, dem sich nach einiger Zeit die Bratsche zugesellte, schließlich die beiden Violinen, und nun kam wie das berühmte Sahnehäubchen das Bandoneon dazu und vollendete den Klang auf wohlig schwindelerregende Weise. Konzentriert und dicht schwebte diese Musik ins Bewusstsein der atemlos lauschenden Hörer. Seiner Ehefrau, einer Kölnerin, hat er einen „rheinischen Tango“ gewidmet. Sein Versuch, das Publikum zum Mitklatschen zu animieren, blieb mehr oder weniger mager; die anspruchsvollen Hörer wollten keine Nuance der Musik versäumen, denn Barreyra verzichtete auf plakative Olé-Effekte. Feines Stilgefühl und erlesener Geschmack waren die Markenzeichen eines Konzerts, das ohne Hauruck Traditionen Lateinamerikas und Europas in spannungsvolle Beziehung setzte: Denn „zwei Kontinente schlagen in der Brust und der Biografie“ Facundo Barreyras, eines glutvollen Musikers, der die Welt des Tangos verinnerlicht hat. Deshalb möchte er diese Kultur keineswegs dem Kommerz überlassen. prw