Au weh zwick, Raubling, Altofing!

von Redaktion

Zur charakteristischen Aussprache des Buchstabens „W“ in der bairischen Sprache

Bad Aibling – Manchmal veranschaulicht der Wortlaut der Ortsnamen unserer Region auch Jahrhunderte nach deren Gründung oder ersten Nennung noch Eigentümlichkeiten in unserer bairischen Sprache, die wir heute noch kennen, sofern sie nicht aus mancherlei Gründen, etwa per staatlicher Verordnung, abgeschafft oder im Zuge des Sprachwandels per Kontakt mit anderen deutschen Sprachvarianten verloren gehen – oder schon verloren gegangen sind. Zu diesen typischen Charakteristika gehört die Aussprache des Buchstabens „W“.

Wer bairisch spricht, artikuliert das W in Ortsnamen wie Waith, Waldkraiburg, Westerham, Wiechs, Willing oder Winhöring auf eine Art und Weise, die für Menschen mit anderer Herkunft oftmals nicht sofort verständlich ist. Woran könnte das liegen?.

Der Buchstabe W ist laut fast allen Wörterbüchern der deutschen Sprache ein sogenannter „Lippenzahnlaut“ (Labiodental). Er steht somit als stimmhafter Reibelaut parallel zum stimmlosen Lippenzahnlaut und Reibelaut F. In der Lautschrift wird er durch [v] wiedergegeben. „Was“ und „wann“ sollen also als [vas] und [van] gesprochen werden, meint beispielsweise der Duden.

Und wie sprechen die alteingesessenen Bajuwaren, die Nachkommen der Räter, Kelten, Römer, Romanen und Ost-Alemannen unser „W“ aus? Fast genauso wie vor 2.000 Jahren! Sagten die Römer – möglicherweise – in vino veritas (= im Wein liegt die Wahrheit), so sprachen sie das W als vv, als „double-ju“, aus, nämlich als Lippenlaut ohne Zuhilfenahme der Zahnpartie des Mundes, zwar stimmhaft, aber eher schwach als stark artikuliert.

Und vor allem Letzteres ist der Grund, warum manche Zuagroastn bei Waith von uns die harte Aussprache [vait] erwarten, nicht aber ein eher gemütliches [wait], ganz abgesehen von bairisch [woat]. Das W in unserer Sprechweise hören diese Menschen oftmals gar nicht. Es ist für sie wohl zu schwach und auch ungewohnt.

Warum aber nun unsere mit W beginnenden Ortsnamen wohl schon seit Urzeiten mit dem „bilabialen“ Reibelaut (= Doppel-Lippen-Reibelaut) gesprochen wurden, verdeutlicht nicht so sehr der Anfangsbuchstabe W in Waith und all den anderen W-Orten: Dieser ist ja gut erhalten geblieben über die Jahrhunderte. Vielmehr ist es der W-Schwund innerhalb der Namen! Beispiele gefällig?

Altofing, Gemeinde Bad Feilnbach, ist 1193/95 (Traditionen Schäftlarn 310) als Altolfingen belegt. Der Name setzt sich zusammen aus „alt“ und „(w)olf“. Das schwache bilabiale w verschwand neben den stärkeren Lauten l und t. Berbling, Stadtteil von Bad Aibling, hieß 804 Perchuuillingun – mit w als double-ju geschrieben – und 1180 Perwillingen. Statt Perwlingen entstand aber Perblingen: Der schwache bilabiale w-Laut wurde durch das kräftigere bilabiale b ersetzt.

Aber: Im Ortsdialekt feierte das bilabiale W seine Wiederauferstehung! Aus Be-r-b-l-ing wurde: Be-a-w-en, aus Ai-b-l-ing Oa-w-en, aus Rau-b-l-ing Rau-w-en. Das W spricht sich halt flotter und geschmeidiger als zwei oder gar drei Konsonanten hintereinander. Aber wie lange noch wird man es derart hören?

Armin Höfer

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