Ramsau/Reichertsheim – Für viele seiner Fans ist Helmfried von Lüttichau ohnehin immer noch der „Staller“. Dies zeigte sich auch deutlich bei seinen beiden jüngsten Auftritten im Fichters. Ganz bewusst hatte er sich nach eigenen Angaben diese eher kleine Lokalität mit ihrer familiären Atmosphäre ausgesucht, um Elemente für ein neues Programm auszuprobieren. Gleich zweimal war die Vorstellung ausverkauft.
Dass es nicht um humorvolles „Stallersches“ Sprücheklopfen ging, merkte man sofort: Von Lüttichau begann mit einem Trauma, seiner Festnahme bei einem Auftritt in Griechenland als Straßenmusikant. Auch wenn er es aus humorvoll-satirischer Distanz sah, hängt da wohl immer noch etwas nach.
Eine musikalisch-
dichterische Lebensreise
Es begann eine musikalisch-dichterische Lebensreise, deren Stationen und Themen an Liedern und Gedichten festgemacht waren.
Als roter Faden diente ein fiktiver Dialog mit Produzentin Gwendolyn („Wendy“) im Plattenstudio, die von „Humphrey“, dem ein wenig in die Jahre gekommenen Musiker, auch einmal etwas Neues und Aktuelles erwartete. Der tat sich damit aber eher schwer, denn er hatte noch zu viele prägende musikalische Erfahrungen und seine großen Vorbilder im Gepäck. Er bedauerte, dass es diese musikalischen Helden, die auch eine klar gesellschaftskritische Position hatten, heute gar nicht mehr gebe. Es sei oft vielmehr so, dass man lieber den Kopf in den Sand stecke – heutzutage könne das auch die digitale Echokammer für die eigenen Vorurteile sein. Passend dazu wurde der perfekt im Wiener Dialekt vorgetragene Austropopsong „Sein Köpferl im Sand“ aus dem Jahr 1971 vom zu Unrecht vergessenen Arik Brauer präsentiert.
Leider käme auch anderes von früher wieder hoch, nämlich der Ruf nach der Todesstrafe, „Humphreys“ Aufhänger für Adolf Tegt-maiers (alias Jürgen von Manger) „Aus der Deliquentenzelle“, gespielt im perfekten Kohlenpottdialekt.
Kein Wunder, dass das nächste Thema die Melancholie war, die von Lüttichau mit Friedrich Hollaenders Schlager „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ thematisierte. „Du lässt dich gehen“ als „Anti-Liebeslied“ frei nach Charles Aznavour gab anschließend über Verschleißerscheinungen bei Langzeitbeziehungen zu denken. „Lach doch wieder mal mit mir, damit ich dich nicht ganz verlier!“, war da zumindest ein erster Ansatz zum Gegensteuern.
Vom „lyrischen Ich“
zum Älterwerden
Dass Aznavour mit dem kritischen Lied nicht seine Frau gemeint haben dürfte, leitete zum „lyrischen Ich“ über, der fiktiven Instanz, die in Liedern und Gedichten spricht. Helmfried von Lüttichau, das hörte und spürte man, oder doch „Humphrey“ als der von ihm geschaffene Charakter auf der Bühne, hat es mit den Jahren nicht mehr so leicht mit seinem „erdenschweren lyrischen Ich“.
Eine neue Perspektive bot da ein Bob Dylan-Song auf Bayerisch, bei dem dann endlich auch die Zuschauer mehr mitgingen, die angesichts ihrer „Staller“-Erfahrungen möglicherweise leichtere Kost erwartet hatten. Doch auch die zweite Hälfte des Abends blieb zunächst ziemlich ernst, ging es doch nun ums Älterwerden und das Alter, die Auseinandersetzung mit der heutigen Jugend. Schon Rio Reiser, provokativer Frontmann von „Ton Steine Scherben“, die heute auch kaum noch einer kennt, sang „Ich will Gefahr von A bis Z“ – authentisch interpretiert auch durch von Lüttichau.
Ein Stückchen Molièresches Drama belegte dann noch, dass sich am zweckdienlichen Gebrauch der Lüge ebenfalls bis heute nichts geändert hat. Und schließlich steht er vor der Tür: der Tod in Robert Gernhardts Gedicht „Ach“.
Doch auch hier quasselt Produzentin Wendy mit hanseatischem Tonfall gleich wieder rein, sodass man – und öfter wohl auch das Publikum – sich fragt, ob dieses Gegenüber nicht etwas zu präsent oder gar lästig geraten ist.
Darüber und generell über das Programm des Abends diskutierte von Lüttichau im Anschluss und auch in den Tagen danach mit einigen Zuschauern, denn nicht zuletzt war das ja das Ziel der beiden Tryouts im „Fichters“ gewesen. Eines ist jedenfalls sicher: Als von Lüttichau zum Schluss auch noch den Staller gab, brach Jubel unter den Fans im Saal aus.
Gegen die
Erwartungshaltung
Es ist schade, dass es ein so talentierter, sprachbegabter und vielseitiger Sänger und Schauspieler nicht so ganz leicht haben wird, mit anderen Themen gegen diese Erwartungshaltung anzukommen, hieß es im Publikum.
Aber als er am Schluss zusammen mit einem Sänger rappte, den er seinerseits beim Musizieren auf der Straße kennengelernt hatte, kehrte der Abend thematisch – nun auf einer neuen Ebene – zum Anfang zurück und auch die Stimmung war bestens.