Rosenheim – Goethe hat die Schweiz in verschiedenen Lebensphasen bereist: 1775, 1779 und 1797. Diese Reisen sind durch Zeugnisse des Dichters und seiner Reisebegleiter ziemlich gut dokumentiert. Die emeritierte Professorin Barbara Nauman und Dr. Margrit Wyder haben sich auf die Spuren von Goethes Reisen in der Schweiz begeben und darüber ein Buch veröffentlicht.
In einem lebendigen und abwechslungsreichen Vortrag im Künstlerhof am Ludwigsplatz schilderten sie auf Einladung der Goethe Gesellschaft Rosenheim anhand zahlreicher Bilder und Zeichnungen Goethes Reiseerlebnisse.
Goethes erste Reise von 1775 war nicht zuletzt auch eine Art Flucht aus der Verbindung mit Lili Schönemann. Gemeinsam mit den Brüdern Christian und Friedrich Stolberg sowie mit Christian von Haugwitz macht er sich auf den Weg zum Gotthard. In Zürich nimmt ihn der charismatische Prediger Lavater auf und öffnet ihm die Türen zur Schweizer Gesellschaft. „Unser erstes Begegnen war herzlich“, erinnert sich Goethe noch in Dichtung und Wahrheit. Die jungen Männer bereisen die Schweiz ganz im Stil des „Sturm und Drang“ in Werther-Tracht gemäß dem Motto „Natur und Freiheit“. Inspiriert von einer Bootsfahrt auf dem Zürichsee schreibt Goethe das Gedicht „Auf dem See“.
Die Gruppe besteigt auch den Rigi am Vierwaldstätter See. Begeistert schreibt der Dichter: „Es war ein nie gesehner, nie wieder zu schauender Anblick, und wir verharrten lange in dieser gewissermaßen unbequemen Lage, um durch die Ritzen und Klüfte der immer bewegten Wolkenballen einen kleinen Zipfel besonnter Erde, einen schmalen Uferzug und ein Endchen See zu gewinnen.“ Tief beeindruckt ist er auf dem Weg zum Gotthard auch von der Teufelsbrücke.
Die zweite Reise, die er, inzwischen schon Geheimrat, gemeinsam mit dem jungen Herzog Carl August von Sachsen-Weimar antritt, führt diesmal über Basel und Bern zum Genfer See und ins Wallis, schließlich im November unter winterlichen Bedingungen zum tief verschneiten Furkapass und wiederum zum Gotthard, wo Goethe neuerlich Richtung Italien schaut und sich dann doch abwendet, um über Luzern wieder nach Zürich und Schaffhausen zurückzukehren. In seiner Rolle als Erzieher und Freund, aber auch als Untergebener des ungestümen Carl August hat es Goethe nicht leicht.
Zu den ausführlichen Briefen Goethes etwa an Lavater und Frau von Stein und zu seinen Tagebuch-Einträgen kommen nun dazu Tagebuch-Einträge und Briefe von Carl August an die Herzogin Anna Amalia, an seine Mutter, wie auch Tagebuchnotizen seines Dieners Philipp Seidel.
Auf dieser Reise schreibt Goethe das Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“, das während seines Aufenthalts in Lauterbrunnen vom Anblick des Staubbachfalls angeregt wurde. Goethe findet laut Wyder eine Sprache, im Übergänglichen die Dynamik der Natur zu erfassen.
Auf seiner dritten Schweizer Reise, die ihn noch einmal auf seine eigenen Spuren zum Gotthard führt und auf der er zahlreiche Gesteinsproben sammelt, bemerkt Goethe: „Ich war ein anderer Mensch geworden und also mussten mir die Gegenstände auch anders erscheinen.“
Die dritte Strophe von Goethes Gedicht „Mignon“ mit der Schilderung der dramatischen Berglandschaft ist von den Eindrücken des Gotthard beeinflusst.
Georg Füchtner