Traunstein – Die stellvertretende Vorsitzende der Chiemgau-Autoren, Petra Babinsky, hieß die Mitglieder und Gäste zur jüngsten Lesung willkommen, die gewöhnlich am letzten Montag des Monats um 19 Uhr in der Kulturfabrik Nuts einen festen Termin hat. Diesmal war der Termin ausnahmsweise auf den Lichtmessabend verlegt. Babinsky führte in die keltischen und altrömischen Wurzeln des Lichtmesstages ein, bevor es an die erste Textlesung ging.
Den Anfang machte der pensionierte Geschäftsstellenleiter des Grassauer Rathauses, Robert Höpfner, mit einer provozierenden Kaffeehaus-Geschichte. Es folgte die nachdenkliche Geschichte von zwei Rentnern, die sich am Stadtplatz treffen und über bisher zu kurz gekommene Lebensinhalte und damit verbundener Lebensfreude nachdenken. Der Raublinger Poet Georg Burghammer las die Geschichte vom verrückten Huhn Elsa, das sich beim Rosenmontagsball in den als Casanova verkleideten Fuchs verliebte, aus seinem Buch „Georgs genüssliches Geschichtenmenü“ vor. Am Aschermittwoch war dann aber alles vorbei für Elsa und die Hühnerschar. In der Geschichte „Frühling am Bach“ führt Burghammer aus: „Ich bin nicht Johann Sebastian. Ich bin Georg. Will meinen Weg zum Fluss finden, zum Schreibfluss. Ich lass mich von der Strömung treiben. Wie einst Johann Sebastian. Vom kleinen Bächlein zum großen Bach.“ Der Dritte im Bunde, dem mit zehnminütiger Sanduhr Gelegenheit zur Lesung zugesprochen wurde, war der Grabenstätter Karl-Heinz Austermayer. Er hatte Gedanken zum Jahreswechsel, zum Aprés-Ski und für positive Gedanken in bairischer Gedichtform zur Hand: „Drum wenn as Lebn is amoi triab, und du hosd Sorgen mit da Liab, denk` an die Freid im Herzen und du konnst Vui leichter verschmerzen. Denn die Freid im Herzen, de g`hört nur dir. Sie iss fia di die Lebenselexier.“
Die Hauptlesung übernahm Hans-Peter Kreuzer aus seinem neuen Roman – dem dritten Teil der „Anwalt-Happinger“-Trilogie mit dem Untertitel „Späte Lust am Pizzicato“. Im Mittelpunkt der 65 Kapitel auf 414 Seiten steht der Rosenheimer Rechtsanwalt Marinus Happinger, die zweifelsfrei autobiografische Figur des Autors, der seit 1974 Rechtsanwalt im Landkreis Rosenheim ist. „Bücher gehörten zwingend zu meinem Beruf“, sagte Kreuzer im Gespräch mit Petra Babinsky. Das Verfassen von Anwaltschriftsätzen ging fast nahtlos über in die spätere Schriftstellerei, welche mit den nur für seine Familie geschriebenen „Lebensgeschichten“ begann. Mittlerweile hat der 81-Jährige ein Dutzend Bücher herausgebracht: Erzählungen, bairische Lyrik, witzige Reime und philosophische Gedichte genauso wie mehrere Romane, darunter der dreiteilige Anwaltsroman, der keinem klassischen Anwaltsroman zuzuordnen ist, sondern ein eigenes Genre einnimmt, so Kreuzer.
Geschichtliche Passagen wie die Flucht einer Baronesse aus Ostpreußen im Zweiten Weltkrieg sind im dritten Teil ebenso beheimatet wie die Erpressung eines Tirolers von zwei Prostituierten, die im Tribunale di Trento verhandelt wird. Im Trentino hat Kreuzer ein Feriendomizil, wo seine schriftstellerische Schaffenskraft zur Hochform kommt, wie er schilderte. Der Ortswechsel des Anwalts Happinger zwischen dem frühlingshaften Ambiente rund um den Gardasee und die Rückkehr in den Stephanskirchener Alltag wird ebenso thematisiert wie die „Kostenlose Lieferung“ eines Online-Versandhändlers, die im gerichtlichen Mahnbescheid endet.
Vom Plagiatsvorwurf eines Buchautors über heiß erzählte Liebesabenteuer bis zur goldenen Hochzeit des Marinus Happinger, hinter dem wohl immer ein wenig Hans-Peter Kreuzer steckt: ein lesenswerter Roman, nicht nur, um in die Gedankenwelt eines Anwaltes im (Un-)Ruhestand Einblick zu nehmen.
Hans-Peter Kreuzer hat sich über einen VHS-Kurs erst vor einigen Jahren die Kunst des Tischharfen-Spiels beigebracht. Mit feinen Klängen wie dem Plaisir d`Amour von Jean-Paul-Égide Martini, „Summertime“ aus Porgy und Bess von George Gershwin oder Que sará von Ray Evans sorgte Kreuzer für die passenden Kontrapunkte eines interessanten Literaturabends.
Petra Babinsky überrachte jedem Besucher eine Lichtmesskerze, um beim Anzünden die Literartur und Gedanken des Abends daheim noch einmal zu reflektieren, und wies auf das nächste Literaturtreffen hin, das bereits am Montag, 23. Februar um 19 Uhr im Nuts stattfindet. Die Hauptlesung hält dann Annette Hendl mit „Zwischen Zerstörung und Hoffnung. Gesammelte Dresdner Geschichten gegen das Vergessen.“ Literaturinteressierte und Schriftsteller (auch zum Vortrag ihrer Werke, mit zehnminütiger Zeitbeschränkung) sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.arno Zandl