Bruckmühl – Die Volksmusik in unserer Heimat ist wohl eine sehr persönliche Musikform, ganz nahe an den Menschen, die sie ein Leben lang in und mit sich tragen. Dieses Wissen und Können ist nur ganz selten schriftlich gefasst oder in anderer fixierter Form greifbar – denn das Singen, Musizieren, Tanzen und Leben in den Bräuchen ist in der Regel mündlich überliefert und veränderbar – je Situation, Personen, Alter, sozialem Kontext und so weiter.
Es gibt viele unterschiedliche Ausformungen der Lieder, Melodien und Tanzbewegungen – regional und zeitlich und persönlich unterschiedlich. Dies ist die Qualität und ein wichtiges Kriterium der Volksmusik: Varianten und Improvisation auf der Basis der Überlieferung, vieles unbewusst und je Situation.
Dieses Wissen und Können zu dokumentieren, die verschiedenen Formen aufzuzeigen – das ist die Aufgabe der Feldforschung zum „Immateriellen Kulturerbe“ unserer Heimat. Die Vielfalt und das ganz Normale, Selbstverständliche und „Unbesondere“ aufzuzeigen, wie es der Volksmusiksammler und Forscher Karl Horak (1908 bis 1992) benannt hat, dessen riesigen Schatz an Aufzeichnungen wir ab den 1980er-Jahren ins damalige „Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern“ übernehmen durften.
Von ihm stammt auch die Aufzeichnung eines Wirtshausliedes in den 1930er-Jahren in Ebbs, das heute ganz selbstverständlich wieder in geselligen Runden erklingt: „Znachst bi i bei da kropfatn Pinzgarin glegn, de hot ma ihran Kropf zu an Kopfpolster gebn“.
Schon als Jugendlicher bin ich mit den Liedern, Melodien, Tänzen und Bräuchen in unserer Familie in Berührung gekommen und habe erahnen können, was diese für Heimatvertriebene und Flüchtlinge bedeuten können: Heimat und Geborgenheit, sozialen Anker und musikalische Freundschaften – wenn die Verwandten meiner Eltern und Großeltern aus dem Egerland und Böhmerwald zu uns nach Bruckmühl kamen.
Bei der Bundeswehr in den 1970er-Jahren in Bad Reichenhall fing ich dann „Feuer“, wie man so schön sagt, und begann bei unseren abendlichen Wirtshausbesuchen in den umliegenden Ortschaften die Lieder der Stammtischbesucher aufzunotieren.
Ja! – Es wurde damals noch ganz selbstverständlich in den Wirtshäusern, bei den Gesellschaftstagen oder an den Stammtischen gesungen, „wenn die Grechtn beinand waren“. In Anger hat es angefangen mit meinem Aufschreiben und Befragen von Gewährsleuten – und bis heute hat es mich nicht losgelassen. „Zwoa mal zwoa is vier, i konn ja nix dafür bei da Nacht“.
Mit Papier und Stift, dann mit dem Tonband „Uher-Report“ und jetzt mit einem digitalen Aufnahmegerät – das Festhalten ist das eine, der Respekt und die Wertschätzung der Gewährspersonen und ihres Wissens und ihrer Leistung im gesellschaftlich-kulturellen Kontext ist das andere.
Jetzt sind es schon über 50 Jahre, in denen ich als „Feldforscher“ die freie Volksmusik dokumentiere. Die Erlebnisse mit diesen Menschen möchte ich keinesfalls vermissen.
Viele davon leben nicht mehr – aber sie leben weiter in der Erinnerung an sie, an ihre Lieder und Erzählungen, Melodien, Tänze und die Mitteilung der ihnen bekannten und gelebten Bräuche im Jahreslauf. „Musikantenkinder, lassts de Geign klinga und spielts ma auf zum Tanz i bin da fesche Franz“.
Fast in allen Regionen von Oberbayern war ich – natürlich mit Unterstützung von Freunden und Kollegen unterwegs. Am Montag, 2. März, um 19 Uhr im Büro vom „Förderverein Volksmusik Oberbayern blicke ich zusammen mit Eva Bruckner auf eine Reihe von Begegnungen zurück, die unvergesslich sind. Und gemeinsam mit den Besuchern singen wir viele Lieder, die aus der mündlichen Überlieferung stammen und durch die Aufzeichnung bei den Feldforschungen vor dem Vergessen bewahrt wurden. „Mir wolln enk jetz singa a Liadl a nei‘s von Adam und Eva vom Paradeis“.
Ganz aktuell bin ich derzeit zum Beispiel in Waging am See unterwegs und halte zusammen mit örtlichen Kennern die reiche musikalische Überlieferung fest. Desgleichen geschieht etwa auch in Schleching oder in Au bei Bad Aibling. Immer geht es auch darum, die Menschen vor Ort einzubinden, das Engagement der älteren Wissens-Generation wertzuschätzen und die jüngeren Leute dafür zu interessieren.
In dieser Weise werden die alten Tänze wie der „Feldollinger Mazurka“ oder der „Drahpolka“ aus Ostermünchen weitergepflegt, die Tanzmelodien aus den Handschriften von Peter Schmid um 1900 in Prien oder der alten Musi aus Kirchdorf am Haunpold in die Gegenwart überführt.
Und die Lieder der alten Wirtshaussänger aus Günzenhausen bei Freising, aus Greimharting am Chiemsee, von Bäckermeister Göbel aus Neuburg an der Donau und von Christl Arzberger aus Wasserburg klingen weiter – ebenso die Almlieder der Theresia Brandstetter aus Übersee, die Balladen der Maria Niedermaier aus Aschau am Inn, die Schnaderhüpfl der Silbernagl-Wirtin von Haag, die gesungenen Geschichten vom Ehepaar Linhuber in Eggstätt oder die Gesellschaftslieder vom „Postbot Huaber“ in Ostermünchen.
In ihren Liedern leben sie weiter. Auch deshalb macht es eine große Freude, immer wieder diese Gesänge anzustimmen – und weiter zu sammeln und die Dokumente unserer überlieferten lokalen Musikkultur der Nachwelt zu überliefern, auch als wichtige Grundlage einer regionalen Volksmusikpflege. Ernst Schusser