Erl – Die Tiroler Festspiele Erl mausern sich langsam zum ganzjährigen Festival: Waren es anfangs nur Sommerspiele, kamen bald Opernaufführungen und Konzerte um Weihnachten herum dazu, dann Osterspiele, und jetzt unter dem wortspielenden Titel „Zwischentöne“ weitere Konzerte dazwischen: Jüngst gab es ein Gastspiel der Wiener Philharmoniker, jetzt gastierten Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters.
Übertitelt war das Konzert mit „Abschied von der schönen Welt“: So beschrieb der Brahms-Biograf Max Kalbeck das Klarinettenquintett op. 115 von Johannes Brahms, das zusammen mit dem Streichquintett in g-Moll von Mozart auf dem Programm stand.
Musiker beginnen
zurückhaltend
Das Mozart-Streichquintett begannen die Musiker (Markus Wolf und So-Young Kim an der Violine; Clemens Gordon und Adrian Mustea an der Viola; Yves Savary am Cello) verhalten und zurückhaltend, machten das Anfangs-Piano fast zum Pianissimo, erreichten nicht den höchst möglichen Expressionssiedepunkt, blieben eher dezent-zärtlich statt hingebungsvoll-trostlos.
Dafür betonten sie das sich schmerzhaft aufbäumende lamentoartige zweite Thema und ließen die wenigen Dur-Stellen in dem für Mozart so schicksalshaften g-Moll herausleuchten – alles als Hinführung zum Eigentlichen, was sich im Adagio ereignet: Der Mozartforscher Alfred Einstein hat dieses Quintett mit der Szene im Garten von Gethsemane verglichen, wo Jesus den Kelch des Leidens trinken muss. Das Adagio ist für Einstein das Gebet des einsamen Jesus. Da war nun die gedämpfte Spielweise – con sordino ist verlangt – des Quintetts passend: Die einzelnen Instrumentenstimmen flehten da im leeren Raum herzzerreißend um Hilfe und Trost.
Schmerzlich
schöne Töne
Wie Jesus Blut schwitz, so schwitzten die Musiker schmerzlich schöne Töne und im folgenden Beginn des Finales, eines verlängerten Adagios, sang die erste Geige schmelzendtraurig ihr Klagelied.
Mozart lässt dann alles in einem „falsch“ klingenden Dur mit einem fast banalen Rondo-Thema enden – als traue er der finalen (Er)Lösung nicht. Und die Musiker spielten so lustvoll, als trauten sie Mozart nicht. Nach der Pause kam statt dem Bratscher Adrian Mustea der Klarinettist Andreas Schablas – und alle wirkten plötzlich wie aufgeweckt, als seien sie von der Klarinette beflügelt. Diese mischte sich aufs Beste mit dem Klang der Streicher, die nun gewissermaßen „offensiv“ spielten und sich und die recht zahlreichen Zuhörer mit den vielen innigsüßen Terzen und Sexten geradezu berauschten.
Andreas Schablas ließ die Klarinettentöne wie aus dem Nichts entstehen und farbenfreudig aufblühen. Vor allem im Adagio schlich er sich immer unmerklich in den warmen Streicherklang, sang schöne Duette mit der Primgeige und ließ fast die Zeit stillstehen.
Sein beseeltes Klarinettenspiel mit zauberhaften und hauchzarten Pianissimi war wirklich wie das Lied eines einsamen Hirten, der in der Einsamkeit der ungarischen Puszta schwermütig seine Schalmei bläst – so schwärmte der damals gefürchtete Wiener Kritiker Eduard Hanslick.
Belohnung für
reichhaltigen Beifall
„Der Brahms hat mit am besten gefallen“, resümierte eine Zuhörerin. Und zur Belohnung für den reichhaltigen Beifall – man konnte es ahnen – gab’s das Larghetto aus Mozarts Klarinettenquintett.
Und jetzt war man als Zuhörer – nach Gethsemane und Puszta – endgültig im musikalischen Paradies.