Erl – Kommt das Frühjahr, kommt das neue Jahr – zumindest bei den Chinesen. Denn die feiern Neujahr jeweils am zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende, sodass Neujahr oft kurz vor Frühlingsbeginn ist.
Um dieses Neujahrsfest zu verkünden und zu feiern, reisen seit 28 Jahren chinesische Orchester durch die Welt und gastieren auch im Festspielhaus Erl. Dieses Jahr war es das „Wuxi Traditional Chinese Orchestra“ aus der Millionenstadt Wuxi in der Nähe von Shanghai, einer geschichtsträchtigen Stadt, die als Geburtsort der uralten Wu-Kultur gilt, Heimatstadt der Erhu ist, der chinesischen Art der Geige, sowie überhaupt Wiege der chinesischen Musik und heute weltweit führend in der Herstellung von Harmonikas, Akkordeons und Harfen.
Fast 80 Musiker
angereist
Das Orchester kam in fast 80-köpfiger Besetzung mit allein sechs Perkussionisten, vielen Zupfinstrumenten wie Pipa und Ruan (eine Art Laute), Bambusflöten, Shengs (eine Art großen Mundorgeln), Suonas (eine Art Trompeten) sowie Erhus aller Art, die klingen wie Geigen mit kehligem Klang.
Die Männer waren in Schwarz, die Frauen einheitlich in himmelblaue lange Seidengewänder gekleidet, Sinnbild für die hohe Disziplin aller Musiker. Doch im Verlauf des Konzertes gerieten sie mehr und mehr in Bewegung: Eine der Flötistinnen tanzte immer mit ihren Schultern anmutig mit, irgendwann setzten sie lustige Brillen auf und jazzten fröhlich, und am Ende erhoben sie sich plötzlich und hielten alle freudestrahlend ihre Instrumente in die Höhe.
Der Tiroler Schauspieler Thomas Gassner erklärte als Moderator: In China tritt in einem Zwölfjahresrhythmus jedes Jahr in eines der Tierkreiszeichen des chinesischen Kalenders ein. Heuer hat am 17. Februar das Jahr des Pferdes begonnen, ja sogar des Feuerpferdes, das nur alle sechzig Jahre gefeiert wird. Das Pferd steht für Dynamik, Lebensfreude, Kraft und Energie. Und genau dies strahlte jedes der Musikstücke aus, die sich immer, angeheizt vom äußerst exakt leitenden Dirigenten Sun Peng, eruptiv und explosiv in überwältigende Klangkraft entluden, was die Zuhörer zum vielfachen Aufjauchzen brachte.
Poesievolle
Titel
Die Stücke tragen poesievolle Titel wie „Ode an die Sonne“ oder „Wolken- und Blumenfantasie“ oder „Frühlingsmorgen“. Den großen See von Tai Hu (in den der Tiroler Achensee 330-mal reinpasst, erklärte Thomas Gassner) beschwört in vier Sätzen die sinfonische Dichtung „Ein Traum von Tai Hu“: Sie beginnt dramatisch mit der Pauke, schwillt dann schwelgend an und endet wie entfesselte Energie: eben wie ein Feuerpferd. Schon die Frühlingsfest-Ouvertüre überraschte mit rauschendem Klang und bacchantischer Tanzlust, wild tanzte auch mit ekstatischer Rhythmik die „Ode an die Sonne“.
Patriotismus schimmerte durch in dem Stück mit dem Titel „Nationaler Geist“, das nach einem Piano-Beginn wie ein Feuerpferd galoppierte. Mit orientalischen Klängen schritt man auf der „Seidenstraße“ voran, die ja jetzt bis Düsseldorf reicht, alles mündete in ein tosendes und brausendes Finale.
Zwei Solokonzerte begeisterten die Zuhörer: Zhang Hongyan demonstrierte, wie anmutig und virtuos zugleich sie die Pipa spielt und sogar mit ihrem Instrument einen Dialog mit der Pauke führen konnte. Und Deng Jiandong, Erhu-Professor, zeigte, wie lyrisch und vielfältig eine Erhu singen kann.
Neujahrsgruß auf
Chinesisch
Am Ende übte der Moderator mit dem Publikum, das das Festspielhaus zur Gänze füllte, den Neujahrsgruß auf Chinesisch, worauf die chinesischen Musiker auf Deutsch antworteten. Als gern gewährte Zugaben gab’s noch das ganz modern jazzende Stück „Die wunderschöne Landschaft von Wuxi“ sowie das mitklatschgeeignete „Pferderennen“: Jetzt hatte es endgültig jeder verstanden: Wir sind im Jahr des Feuerpferdes.