Rosenheim – Der Chorkreis St. Quirinus mit seinem Leiter Michael Gartner führt zusammen mit dem von Rainer Heilmann-Mirow neugegründeten Orchester „Arche-Allstars“ und dem Kinderchor „Bimba Cantabile“ das „Stabat mater“ von Karl Jenkins auf. Solistinnen sind Rita Williams und Luitgard Hamberger. Konzertmeister des neuen Orchesters ist Norman Spaeth. Michael Gartner, Norman Spaeth und Rainer Heilmann-Mirow erzählen zusammen im Interview, was sie an diesem Werk so gut finden. Weil wir uns zumeist gut kennen, duzen wir uns.
Lieber Rainer, was müssen wir uns unter „Die Arche – Allstars“ vorstellen?
Rainer Heilmann-Mirow: Wir haben versucht, ein paar ehemalige Orchestermitglieder einzuladen, um ein kleineres und beweglicheres Orchester zu bekommen, für das wir weniger Probenzeit brauchen. Die Arbeit mit Nachwuchsmusikern ist ja immer viel Arbeit, um immer wieder das Niveau zu erreichen.
Und wie ist es zu dem Namen „Allstars“ gekommen?
Heilmann-Mirow: Das ist eigentlich die Idee von Michael Gartner gewesen.
Michael Gartner: (lacht herzhaft) Da unser letztes gemeinsames Projekt, die „Mass of the Children“ von John Rutter, schon zehn Jahre zurückliegt und ich von außen beobachtet habe, wie über einen langen Zeitraum immer wieder tolle Musiker durch das Orchester gehen, habe ich gedacht: Die könnten wir doch für ein Projekt integrieren als junge Erwachsene wie die Hornisten Marinus Brückmann und Judith Rauh, dann den Kontrabassisten Benedikt Schroeter, die Maria Kaltenbrunner und Sophia Hörberg an der Oboe.
Norman Spaeth, du bist noch Student?
Norman Spaeth: Ja, ich bin noch Student und werde dieses Jahr meinen Bachelor machen.
Und du hast noch Zeit und Lust für dieses Projekt in Rosenheim?
Norman Spaeth: Ja, ich habe heute nochmal nachgeschaut, seit wann ich dabei bin: Das ging ein Jahr vor dem Studium los, da hatte ich ein freies Jahr zur Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung am Mozarteum Salzburg und habe festgestellt, dass es sinnvoll wäre, bei der „Arche“ mitzumachen. Das ist jetzt vier Jahre her.
Heilmann-Mirow: Dem Norman bin ich sehr dankbar, dass er damals eingesprungen ist, weil es nach Corona eine schwierige Zeit war. Und der Norman ist mir treu geblieben.
Spaeth: Man kann hier sehr viel ausprobieren, weil bei professionellen Orchestern schon viel Druck da ist. Jetzt ist mein Bruder Adrian auch schon Mitglied im Orchester, er spielt Posaune.
In diesem Werk gibt es eine „Ethnic Voce“. Was heißt das?
Gartner: Karl Jenkins versucht in diesem Werk eine globale Sicht auf die Trauer, das Vergängliche und das Menschsein überhaupt zu entwickeln. Dazu bemüht er auch die Historie: Er nimmt Zeilen aus dem Gilgamesch-Epos, aus dem ältesten bekannten Epos, mit einem Klage-Kontext. Dann nimmt er auch Elemente aus dem orientalischen Raum, er lässt die Muttersprache von Jesus, das Aramäische, einfließen. In zwei Stücken muss eine orientalische Sängerin Solopassagen interpretieren. Das bezeichnet er als „Ethnic Voice“. Wir haben das große Glück, dass wir mit Rita und Rashid Williams, einem irakisches Ehepaar aus Köln, eine ethnische Sängerin und auch einen Duduk-Spieler haben. Die Duduk ist gleichsam die Uroma der Oboe, mit einer orientalischen Klangfärbung. Rita kann diese Passagen kulturell authentisch wiedergeben. Beide habe ich über Mulo Francel von „Quadro Nuevo“ kennengelernt. Der Pianist Chris Gall hat diese Verbindung hergestellt. Und wenn wir schon einen Duduk-Spieler haben, können wir das ausbauen.
Was heißt „ausbauen“?
Gartner: Jenkins schreibt nach den arabischen bzw. aramäischen Stücken: „Improvisation.“ Da kann der Duduk-Spieler sich ausbreiten.
Was singt der Kinderchor „Bimba cantabile“?
Gartner: Wir haben ihn zweimal mit kurzen Passagen eingebaut. Die Mutter klagt um ihr Kind, da heißt es „We hear the cries of children“. Das ist eine Zeile, die müssen Kinder singen! Und wir haben in Fürstätt mit Anita Schulz eine sehr rege Kinderchorleiterin. Mir liegt immer daran, schon Kinder in Kontexte klassischer Aufführungspraxis zu integrieren.
Lieber Norman, ist das Stück schwer zu spielen?
Spaeth: Ich glaube, es geht weniger um die Noten, mehr um das Zusammenspiel, mit der Verbindung von Orchester, Chor. Das wird die eigentliche Herausforderung.
Es gibt viel Schlagzeug in diesem Werk.
Heilmann-Mirow: Ja, wir brauchen sechs Perkussionisten. Da sind auch zwei ehemalige „Arche“-Mitglieder dabei: der Franz Lang und seine Frau, die das authentische orientalische Schlagwerk bedienen wie Darabuka, Daf, Moholla und Riq.
Eine Frage an den Dirigenten: Wie schwierig ist es, die Klangbalance zwischen dem riesigen Schlagwerk, Chor und Orchester herzustellen?
Gartner: Das wird eine grundsätzliche Herausforderung. Wir sind aber im Chor ziemlich zahlreich aufgestellt. Die große Schwierigkeit liegt in dem Flow, dass aus dem Crescendo auch wieder ein Decrescendo wird, dass man den Klang in den Raum hineinstellt und wieder loslässt und sich traut, sich aus der Klangwolke wieder herauszuentwickeln. Für den Chor ist es intonatorisch schwer, weil Jenkins eigentlich kein Chorkomponist ist. Jede Linie ist mit einer harmonischen Umdeutung versehen. Heilmann-Mirow: Jenkins nimmt keine Rücksichten, er macht manchmal so Halbtonrückungen. Das ist für jedes Instrument unterschiedlich schwierig.
Meines Wissens wird Jenkins von den seriösen Musikern nicht so ernst genommen.
Heilmann-Mirow: Jenkins versucht, Populäres im klassischen Gewand darzubieten. Das spricht unheimlich viele Menschen an und das ist eine sehr verdienstvolle Aufgabe von ihm.
Lieber Michael, warum möchtest du dieses Werk noch einmal aufführen, nachdem du es schon zweimal aufgeführt hast?
Gartner: Ich halte dies Werk für das beste von Karl Jenkins. Ausschlaggebend waren meine Kinder: Die haben damals schon mitgesungen und haben eine wahnsinnige Begeisterung für dieses Stück. Diese Freude hat etwas sehr Motivierendes. Kürzlich war ein Musiker-Freund da, der meinte, Jenkins, das ist so was Seichtes! Dann habe ich gefragt: Was haben denn deine Sänger gesagt? „Das Publikum und meine Chorsänger waren begeistert!“, meinte er. Siehst du, habe ich geantwortet. Es ist auch eine Kunst, etwas zu machen, was die Menschen anspricht und trotzdem nicht total ins Effekthascherische abdriftet. Und schön ist es auch, wieder zusammen etwas mit der „Arche“ zu machen. Und nachdem ich mit dem Chor drei hochklassische Werke aufgeführt habe, ist auch im Chor das Bedürfnis da gewesen, wieder was Moderneres, Populäreres zu machen.
INTERVIEW: RAINER W. JANKA