Wasserburg – Mit großer Begeisterung wurde Nik Mayrs Inszenierung von „Die Stühle“ am Theater Wasserburg aufgenommen. Ionescos Einakter aus den 1950er-Jahren thematisiert das absurde Streben nach Bedeutung in einer sinnentleerten Welt. Damit trifft das Stück 75 Jahre später weit mehr den Zeitgeist, als man zunächst vermuten würde.
Der vom Autor als „tragische Farce“ beschriebene Einakter fand lange kein Theater, das „Die Stühle“ spielen wollte. Erst nach über einem Jahr erfolgte 1952 die Uraufführung in Paris. Lange Zeit blieb aber der Erfolg versagt. Heute gilt es als zeitloser Klassiker, zumal sich viele Parallelen zur Verständigung in der Gegenwart entdecken lassen, die immer mehr von Social Media und Hyperkommunikation beherrscht wird.
Das Scheitern
der Kommunikation
Ionesco zeigt beispielhaft die Isolation der menschlichen Existenz und das Scheitern der Kommunikation. Er nutzt die Elemente des Absurden Theaters, um die Fragilität und Bedeutungslosigkeit des Lebens darzustellen.
Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Poppet und Semiramis, ein hochbetagtes Paar. Sie leben einsam in einer verheerten Landschaft – um sie herum scheint alles zerstört zu sein. Poppet wird von einer überwertigen Idee getrieben. Er ist überzeugt, eine bedeutende Botschaft für die Menschheit zu haben, die er jedoch nicht selbst vortragen kann. Also muss ein Sprecher her, einer, der für ihn diese Mission übernimmt. Zahlreiche Honoratioren werden dazu eingeladen; ja sogar seine Majestät, der Kaiser, wird von Poppet und Semiramis erwartet. Mehr und mehr Stühle werden für die angeblich eintreffenden Gäste angeschleppt; auch für den Kaiser steht schon ein Thron bereit. Doch die imaginären Besucher bleiben aus. Auch „der Redner“, der die Botschaft übermitteln soll, bleibt stumm.
Am Ende des Stückes wird die Tragik der Situation offensichtlich: Die unsichtbaren Gäste, für die Poppet und Semiramis alles vorbereitet hatten, sind nicht gekommen. Die Botschaft bleibt ungesagt, und die Illusion des Dialogs zerbricht.
Nik Mayr inszenierte das existenzialistische Endzeitdrama um die Bedeutungslosigkeit des Lebens mit Bravour. Der Zuschauerraum wurde zur Bühne; die Zuschauer hatten auf der Empore Platz genommen. Trotz der Vogelperspektive war man mittendrin.
Überzeugende
darstellerische Leistung
Mit Rosalie Schlagheck als Semiramis und Hilmar Henjes als Poppet hatte die Regie auch eine Idealbesetzung gefunden, die Ionescos absurdem Stück in jeder Hinsicht gerecht wurde. Insbesondere die Pietà-Szene am Spielende ging durch Mark und Bein. Trotz aller Bemühungen bleiben Poppet und Semiramis isoliert. Er stirbt in ihren Armen. Beider Leben bleibt bedeutungslos, wo sich doch Poppet so gewünscht hätte, dass zumindest einmal eine Straße nach ihm benannt wird.
Trotz aller Widersprüchlichkeit als Hauptmerkmal des Absurden Theaters war man rund 75 Minuten gleichermaßen gebannt wie auch gefesselt, eine wahrhaft sehenswerte Inszenierung eines grandiosen Einakters, der nicht zuletzt wegen seiner Aktualität keine Wünsche offenlässt.