Bad Aibling – Wer kennt ihn nicht, den Mythos der Büchse der Pandora? Der Ausstellungstitel der aktuellen Präsentation in der Villa Maria ruft die Geschichte wieder ins Gedächtnis. Pandora hütet eine Büchse, in der jegliches Elend der Welt gefangen ist. Als sie entgegen eindringlicher Warnungen geöffnet wird, strömen alle Übel wie Krieg, Krankheit und Tod heraus. Nur die Hoffnung bleibt auf dem Boden des Gefäßes ruhen. Die Menschheit jedoch ist ihrer Unbefangenheit beraubt. Der Bildhauer Alejandro Calderon Jaffé und die Schmuckkünstlerin Diana Dudek nähern sich dem Thema auf unterschiedliche Weise. Stellt Jaffé mit seinen Figuren die Büchse selber dar – das Handy – weist Dudek auf die Auswirkungen der geöffneten Büchse hin.
Der venezolanische Bildhauer Jaffé hat einen Zyklus von zehn kleinen, an die Wand montierten Plastiken geschaffen, der Menschen in Interaktion mit dem Handy zeigt: den Kinderwagen schiebend, den Partner umarmend und hinter dessen Rücken aufs Handy schauend, Karten klopfend mit Handy statt mit Spielkarten. Die Installation regt zum Schmunzeln an, besonders der nachempfundene Denker von Auguste Rodin, der seinen Kopf auf eine Hand stützt, während die andere ein Handy hält.
Aber genau genommen erzählen Jaffés Werke von der Einsamkeit eines Menschen im fremden Land. Vor mehr als zehn Jahren hat er seine Heimat Venezuela verlassen, das Land, das seinen Großeltern Schutz bot, als sie aus Nazideutschland flohen. Der Enkel kam nach Deutschland, um das Land seiner Vorfahren kennenzulernen und blieb, studierte auf Burg Giebichenstein in Halle, wo sich eine renommierte Kunsthochschule befindet. Seine dritte Ausstellung in der Villa Maria reflektiert die Bedeutung des Handys, das weit mehr als einen rein kommunizierenden Charakter in unserem Alltag angenommen hat.
Alle Arbeiten in dieser Präsentation haben die äußeren Abmessungen eines Handys, so zum Beispiel einfache Blöcke aus Bronze, in Wellpappe gerahmt, mit hell polierter Mittelfläche, ein Zeichen, wie häufig über das Smartphone „gewischt“ wurde. Auch die miniaturgroßen Figuren und ihr Gerät reflektieren Helligkeit nur über ihr Gesicht und die Bildfläche.
Eine kleine Tuschezeichnung bleibt in Erinnerung: Jesus und seine Jünger beim letzten Abendmahl, lediglich Jesus hat kein Handy vor sich liegen. Diese historische Darstellung ist ebenfalls auf Handyformat begrenzt. Und dann gibt es da noch bronzene Spinnen, Skorpione und andere Kreaturen. Neugier und Wiederholung sind deren Verbindung zum digitalen Verhalten des Menschen.
Jaffé stellt zum dritten Mal in der Villa aus, die Dannerpreisträgerin Diana Dudek zum zweiten Mal. Der Dannerpreis ist eine hohe Auszeichnung für Leistungen im Kunsthandwerk und soll innovatives Gestalten fördern. Dudek weist in ihren Schmuckstücken auf reduziertes Leben hin.
Man kann sich mit diesen zierlichen Ansteckblüten aus Eisen schmücken, aber sie schärfen auch das Gedächtnis für Zeiten wie Corona, als das Leben auf Sparflamme lief. „Do you remember?“ fragt die Künstlerin zu jedem dieser Exponate. Schwarze eiserne Ringe zitieren die Zeit der beiden Weltkriege, als Frauen ihren Goldschmuck zur Finanzierung der Kriege hergaben und dafür eisernen Schmuck erhielten. Eine üppige Kette, von der Künstlerin aus hauchdünnen Seidenfäden gestrickt, verdeutlicht, wie dauerhaft die Menschen während der Pandemie in Isolation gehalten wurden.
Den Kunstwerken beider wohnt eine bewundernswerte Leichtigkeit inne, jedoch übersieht man nie den Ernst, der mitspricht. Aber auf dem Boden der Büchse der Pandora ruht immer noch die Hoffnung.
Ute Bößwetter