Bruckmühl – Es mag vermessen sein, wenn ein Volksmusikant zum Beginn der Fastenzeit über die christlichen Inhalte dieser 40 Tage schreibt. Heutzutage wird man von sogenannten „Fastenpredigern“ aus dem Reich der Kabarettisten medial überschwemmt. Darunter sind auch einige, die durchaus etwas zu sagen haben. Wenn es aber zu tiefgründig und problematisch für die Obrigkeit wird, ist der Redner gleich abgesägt.
Auch in früheren Generationen war das Fastenbier und der Josefi-Bock Grund zu Reden und lustigen Versen, geselligen Liedern und Vorträgen. Schon um 1900 überwog die Geselligkeit mit weniger tiefgründigen Formulierungen. Das kann man unter anderem an den Liedern und Texten von Michl Kämpfl (1870 bis 1944) aus Rosenheim erkennen, der zuerst für den Auerbräu und dann für den Flötzinger über das Märzenbier „dichtete“. Das Flötzinger Löchl war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein wöchentlicher Treffpunkt bürgerlicher Bier-Glückseligkeit mit den gereimten Versen von Kämpfl, die teils auch aktuelle Situationen aufgriffen.
Mögen die Mönche ihr starkes Fastenbier getrunken und als Lebensmittel auch an die Bevölkerung ausgeschenkt haben – und alles, was aus dem Wasser kam, als „Fisch“ verspeist haben – so bleibt doch der religiöse Ursprung der Fastenzeit grundlegend. Auch die menschliche und gesundheitliche Komponente des Fastens wäre zu benennen, besonders in einer reichen Welt. Die ärmeren Leute bei uns und in vielen Teilen der Welt werden über das modische Fasten anders denken: Sie wären froh, täglich genug zu essen zu haben. Somit haben die 40 Tage Fastenzeit vor Ostern – ebenso wohl auch der Ramadan unserer muslimischen Mitbürger – eine wichtige innere religiöse Bedeutung. Im Christentum denken wir an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste verbrachte, den Versuchungen widerstand und dann die frohe Botschaft vom Reich Gottes und der Liebe Gottes zu den Menschen brachte. Es tut den Menschen gut, von sich abzusehen – aber auch über sich und das eigene Tun nachzudenken, über die Talente und Möglichkeiten der Mitmenschlichkeit. So heißt es in den fünf Strophen eines zum Nachdenken anregenden, in weiten Teilen überlieferten Liedes, das nicht nur in der Fastenzeit zu singen wäre:
1. O Mensch, nun ist es für dich Zeit, gedenke Gott, des Herrn, und mache dich für ihn bereit, sein Willen anzuhörn.
2. Die Schöpfung ist uns anvertraut, dass wir gar sorgsam sind. Gott Vater hat auf uns gebaut, sein‘ Willen uns verkündt.
3. Hast du den Hungernden gespeist, den Durstigen getränkt, dem Armen deine Hand gereicht, dein Liebe ihm geschenkt?
4. Hast du viel tausend Gnaden gedankenlos verschwendt? Hast du zu deinem Schaden missbrauchet dein Talent?
5. O Mensch, nun ist es für dich Zeit, gedenke Gott, des Herrn, und kehre um, mach dich bereit, den Ruf des Herrn zu hörn.
Als wir dieses Lied in der Sammlung von Alfred Quellmalz aus den 1940er-Jahren in Südtirol entdeckten, waren wir fasziniert von der Tiefe der Gedanken. Es wurde im Pustertal über Generationen weitergegeben – und hat auch heute nichts von seiner Wichtigkeit nicht verloren. Wir haben in unserer Reihe „Das geistliche Volkslied das Jahr hindurch“ ein Heft mit Fastenliedern mit diesem Liedanfang übertitelt, das wir im ehemaligen „Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern“ im Jahr 1993 erarbeitet hatten. Schreiben Sie an den „Förderverein Volksmusik Oberbayern“ (Pfarrweg 11, 83052 Bruckmühl, ernst.schusser@heimatpfleger.bayern), dann schicken wir ihnen dieses Liederheft kostenlos zu.
1998 haben wir auf Anfrage einer Jugendgruppe ein Lied zu den Schriftstellen „Jesus in der Wüste“ bei den Evangelisten Lukas und Markus aufgeschrieben, in dem es ganz zeitgemäß um das freiwillige Verzichten in einer Welt des Überflusses, des Konsums und der menschlichen Kälte geht – verbunden mit dem Besinnen auf die wesentlichen Werte des mitmenschlichen Lebens:
„In die Wüste gehen wir, da sehn wir den Weg zu dir; gehn den Weg in unsrer Zeit, gehn den Weg in Ewigkeit.
1. Lass mich in der reichen Welt, die nur regiert wird von Macht und Geld, sagen Nein! sagen Nein! Jesus soll der Weg mir sein.
2. Lass mich in der lauten Welt, wo kein Mensch mehr Stille hält, sagen Nein! …
3. Lass mich in der schnellen Welt, wo niemand Zeit hat und innehält, sagen nein! …“
Da können Sie, liebe Leser gut weitertexten, ganz einfach, nach Ihren Lebenserfahrungen – so wie die Jugendgruppe 1998. Ihnen eine besinnliche und gute Fastenzeit, kehren Sie bei sich ein. Ernst Schusser