Wenn der Tod einen Termin hat

von Redaktion

Ensemble Tam-Ost überzeugt mit neuer Inszenierung zum schwierigen Thema Sterbehilfe

Rosenheim – Mit „Der gute Tod“ des niederländischen Autors Wannie de Wijn widmet sich das Tam-Ost einem Stoff, der bereits im Titel unmissverständlich anklingt – und dennoch mehr verlangt, als man zunächst vermutet.

Ein kranker Mann beschließt zu sterben. Das intelligent geschriebene Stück führt den Zuschauer langsam an die Situation heran, ohne sie vollständig auszuerklären. Seine Familie versammelt sich bereits tags zuvor. Der Todeszeitpunkt steht plötzlich als fester Termin im Raum. Für die Protagonisten und den Zuschauer bedeutet das einen gedanklichen Paradigmenwechsel: Der Tod ist kein unvorhergesehenes Ereignis mehr, sondern ein vereinbarter Moment, ein fixer Termin, der unausweichlich näher rückt.

Schuld, Wille und
moralische Verantwortung

Die Inszenierung nimmt den Zuschauer dabei immer in der richtigen Geschwindigkeit mit. Das Tempo wirkt nie überhastet, nie zäh. Es gewinnt spürbar an Fahrt, sobald die hinter vorgehaltener Hand schwelenden Konflikte sich Bahn brechen und ausgesprochen werden. Schnell wird klar, dass das wesentliche Thema nicht das zunächst augenscheinliche – etwa ein mögliches Erbe – ist, sondern vielmehr der tatsächliche oder vermeintliche eigene Wille des Patienten, zu sterben. Ist es wirklich sein freier Entschluss? Wer nimmt diese vermeintliche Schuld auf sich? Und wie geht man damit um? Der Vergleich mag unsensibel oder pietätlos klingen, drängt sich jedoch auf: Jeder, der ein Tier hat einschläfern lassen, fühlt sich möglicherweise erinnert. Denn es sind im Kern dieselben Fragen: Hilft man? Spielt man Gott? Lädt man Schuld auf sich? Das Stück stellt diese Fragen konsequent – und verweigert einfache Antworten.

Hermann Neuner verleiht dem kranken Ben eine familiäre, warmherzige Ausstrahlung, obwohl seine Krankheit ihn sichtbar geschwächt hat. Diese Wärme zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Deutlich und klar, dabei selbstlos, gütig und nahbar begleitet er seine Familie in seinen eigenen Tod. Seine Tochter Sam – von Martha Herrmann, in ihrem erst zweiten Stück, auf ganzer Linie souverän gespielt – sowie Bens geistig behinderter Bruder Ruben, mit durchgehendem Manierismus authentisch von Michael Hess umgesetzt ist, scheinen den Schmerz jeweils für sich zu bewältigen. Sie leiden eher im Stillen und finden ihren Umgang mit der Situation durch Musik. In mehreren eindrucksvollen Nummern an Klavier und Gitarre, gemeinsam mit dem Ensemble vorgetragen, verdichten sich die Gefühle. Der schmale Grat zwischen überzeichneter Emotionalität und einer Flucht nach vorn gelingt dabei bemerkenswert sicher.

Im insgesamt schweren Kontext sorgen die zunehmend unverhohlen vorgetragenen sarkastischen Stiche zwischen Bens Freundin Hannah – selbstüberzeugt als moralische Instanz von Mirjam Bertagnolli gespielt – und seinem oberflächlich unausstehlichen Bruder Mike, dessen konzise vorgetragene Boshaftigkeiten Oliver Männer mit sichtbar spürbarer Freude auskostet, immer wieder für einen erfrischenden Bruch. Unverkennbar ist die bereits in früheren Stücken erprobte Dynamik zwischen diesen beiden Schauspielern mit starker Bühnenpräsenz: Ein Wort gibt das andere.

Auch Bens langjährige gute Freundin Lisa – präzise und vielschichtig von Monique Nägele verkörpert – scheint zunehmend im inneren Konflikt zwischen Überzeugung und moralischer Schuld zu schwanken, bleibt sich jedoch letztlich treu. Stellenweise wünscht man sich schneller Anschlüsse, doch insgesamt präsentiert sich das Ensemble homogen und äußerst kraftvoll mit einer durchgehend starken Schauspielleistung auf ganzer Linie.

Alles findet im Wohnzimmer des Patienten statt. Bühnenbild, Ausstattung sowie Licht und Ton – verantwortet von Antje Oehmichen, Elke Ehlers und Reinhardt Scheide – unterstützen die gesamte Handlung, lenken jedoch nie von ihr ab. Die als Blackbox angelegte Bühne wirkt mit wenigen, gezielt gesetzten Elementen angenehm spartanisch. Besonders gelungen ist die von Martin Schönacher gewählte Beleuchtung: Farbige Scheinwerfer erzeugen farbliche Schatten, die sich in ihrer Summe zu einem warmweißen Licht verbinden. So entsteht eine subtile, zugleich lebendige Dynamik.

Kein Zeigefinger,
keine Antworten

Martin Schönachers sehr gelungene Inszenierung nimmt die Schwere des Sterbehilfe-Themas ernst und mutet dem Publikum existenzielle ethische Fragen zu, bleibt dabei jedoch durchgehend kurzweilig. Es wirkt stimmig und ehrlich. An keiner Stelle erscheint ein erhobener Zeigefinger oder eine moralische Einordnung, die dem Publikum vorweggenommen wird. Ganz im Gegenteil: Auch über den bewegenden, nachhallenden Schluss hinaus bleibt es dem Zuschauer selbst überlassen, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Konsequent fortgesetzt wird dieser Gedanke im offenen Austausch zum Thema Sterbehilfe mit der Seelsorgerin Hannelore Maurer, der am 22. März um 15 Uhr im Tam-Ost stattfindet. Das Publikum der rundum gelungenen Premiere reagierte deutlich vernehmbar emotional und spendete wohlverdiente drei Runden Applaus. Es war ein Abend, aus dem viele mit nachhaltig relevanten Fragen nach Hause gegangen sein dürften. Das kann Theater.

Spieltermine

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