Nonfiktionale wird volljährig

von Redaktion

Interview Festivalleiterin Tamara Danicic über die Faszination des Dokumentarfilms

Bad Aibling – Tamara Danicic leitet zusammen mit Melanie Liebheit seit Jahren die Nonfiktionale in Bad Aibling. Sie studierte Sprachen- und Kulturraumstudien in Passau und Sevilla. Ihre Promotion verfasste sie über das Werk des spanischen Spielfilm-Regisseurs Pedro Almodovar. Doch ihre große Leidenschaft gilt dem Dokumentarfilm.

Jedes Jahr läuft die „Nonfiktionale“ unter einem Motto, wie ist diesmal der Titel entstanden?

Bei „Mehr als der Mensch“ war einfach die Idee: Dokumentarfilme kreisen oft um Menschen, weil sie über sich selber erzählen und reflektieren können. Aber was ist, wenn man einfach die Perspektive wechselt und weggeht von so einem anthropozentrischen Weltbild. Eher in Richtung Natur und Tiere.

Aber die „Nonfiktionale“ und ihr Team wollte auch bestimmt nicht ein reines Natur- und Tierfilmfest werden? Wie läuft da die Abgrenzung?

Also wir wollten eben nicht diese klassischen Tierdokus, weil da eben Tiere vermenschlicht werden. Dann hat man die traurige Fuchsmama, die ihr Fuchsjunges sucht, das ganz aufgeregt durch den Wald irrt. Wir wollten einen anderen Diskurs oder eine andere Beziehung zwischen Mensch und Tier. Wie ist unser Verhältnis, wie sind die Hierarchien? Was passiert, wenn man Tiere in den Fokus rückt und was macht es mit unserer Eigenwahrnehmung?

Wie macht sich das in dem Filmen konkret bemerkbar?

„Stille Beobachter“ spielt zum Beispiel in einem bulgarischen Dorf und erzählt aus der Perspektive der Tiere und richtet den Blick auf die Menschen dort, die voller Aberglauben sind. Wenn dann eine Katze über einen Toten läuft, denken die Bewohner, dass jetzt der Tote in sie gefahren ist, so wie bei Vampiren. Dann haben wir einen Film, in dem ein Kolumbianer auf einer abgelegenen Karibikinsel Kampfhähne züchtet. Einer davon ist sein ganzer Stolz. Man merkt einfach, dass das nicht nur irgendein Gockel ist, sondern dass da viel Liebe und Zuwendung drinsteckt. Oder „Im Land der Wölfe“. Da geht es um unsere Beziehung zu Wölfen, die ja sehr polarisieren. Doch der Film guckt sich beide Seiten an. Und zwar ganz unaufgeregt und ohne Schaum vorm Mund. Wie kann ein Zusammenleben funktionieren oder warum funktioniert es nicht?

17 Filme laufen im Hauptprogramm, der Eröffnungsfilm ist immer wichtig. Diesmal heißt er „Die toten Vögel sind oben“, was zeichnet ihn aus?

Das ist ein ganz wunderbarer Film und zwar über einen Bauern aus Norddeutschland Anfang des letzten Jahrhunderts, der gleichzeitig der Urgroßvater der Regisseurin ist. Er hat sich in die Fotografie verliebt und für eine Mittelformatkamera ein Stück seines Landes verkauft. Das Archiv lag jahrzehntelang auf dem Speicher, unbeachtet, und staubte vor sich hin. Und irgendwann wurde das entdeckt und ein Teil ist in ein naturhistorisches Museum gewandert, der andere Teil in ein kunsthistorisches Museum. Das ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Urgroßvaters, der auch Naturschützer war zu einer Zeit, wo das noch kein Thema war.

Die „Nonfiktionale“ gibt es nun seit 18 Jahren, feiert also die „Volljährigkeit“. Zeit für eine kurze Bilanz. Wie ist das Festival erwachsen geworden? Was sind in der Rückschau Geschichten und Ereignisse, die hängen geblieben sind?

Es gibt natürlich so ein paar Großkaliber des deutschen Dokumentarfilms wie Thomas Heise oder Volker Köpf, die da waren. Also für uns natürlich eine große Ehre. Das war für mich persönlich ein Highlight. Dann gab es auch ganz tolle Schulvorstellungen. Die Schüler waren einfach so irre aufmerksam und haben dann auch kapiert, was es heißt, mit Großeltern Zeitzeugen zu haben. Sie haben dann ihre Großeltern befragt über die Nachkriegszeit. So etwas ist natürlich toll, denn wir wollen ja das, wofür wir selber brennen, einfach gerne auch immer an die nächste Generation weitergeben. Deswegen ist uns dieses „Junge Doks-Programm auch so wichtig.

Mittlerweile hat sich die Nonfiktionale bei Machern und beim Publikum in Deutschland etabliert.

Auch in Österreich und in der Schweiz sind wir schon auf der Filmfestival-Landkarte ein kleiner, aber leuchtender Punkt. Es gibt natürlich die großen Tanker Leipzig, München, Kassel. Aber in Bayern gibt es außer dem Dokfest München tatsächlich nur uns und noch das „Zwickl“ in Schwandorf als reines Dokumentarfilmfestival. Mit unserem Profil deutschsprachige Dokumentarfilme und nach jedem Film ein längeres Gespräch. Das ist in der Kombination, glaube ich, doch ziemlich einzigartig im deutschsprachigen Raum.

Aber so ein Festival muss immer wieder organisiert und finanziert werden. Fällt das in so wirtschaftlich schlechteren Zeiten schwerer?

Wir sind natürlich sehr froh und dankbar, dass wir durch die öffentliche Hand sehr lange konstant gefördert werden. Gleichzeitig werden die Budgets enger, gerade beim Sponsoring. Wenn man als Unternehmen wirtschaftlich nicht so rosige Zeiten erlebt, dann ist natürlich Kulturförderung nur „cherry on the cake“, was man auch leicht abstoßen kann. Aber wir haben tatsächlich sehr treue Förderer und Sponsoren. Trotzdem müssen wir natürlich immer wieder Klinken putzen und Anträge schreiben. Dahinter steckt sehr viel Herzblut und Ehrenamt. Auch wenn Kultur in der bayerischen Verfassung steht und sich Bayern als Kulturstaat definiert, ist es keine Pflichtaufgabe der Kommunen, sondern freiwillig und natürlich muss man dann, wenn die Budgets enger sind, gucken, wie die Verteilung läuft.

Nach Sichtung aller Filme: Was ist Ihr persönliches Fazit nach der Auseinandersetzung mit den Filmen und Themen?

Grundsätzlich finde ich am Dokumentarfilm spannend, dass er so einen Blick öffnet. Dass er die Welt größer macht, dass man eigene Blickrichtungen auch verschieben kann und sich der Horizont weiten lässt und man gleichzeitig ein bisschen Demut lernt, indem man halt einfach sieht, dass es an anderen Orten der Welt anders ist. „From Ecuador With Love“ ist zum Beispiel ein ganz wunderbarer Kurzfilm über eine Rosenfarm. Und ganz ehrlich, wenn ich jetzt einen Rosenstrauß im Supermarkt sehe, hätte ich deutlich mehr Hemmungen, den zu kaufen, weil ich einfach jetzt durch den Dokumentarfilm weiß, was dahinter steckt und was das für eine Fließbandarbeit ist und was das eben auch für die Arbeiterinnen bedeutet.

Die Plakate der „Nonfiktionale“ sind traditionell besonders gestaltet. Die besten Filmemacher spielen dann Modell als Moorfrau oder Moormann. Wer hat diesmal die Ehre?

Das wird erst auf dem Festival verraten. Aber so viel darf ich erzählen: Wir dürfen von 8 bis 10 Uhr morgens zum Fotoshooting in die Therme. Dort bekommen wir einen großen Topf mit Aiblinger Moor. Und diese Person darf sich dann wirklich von den Haar- bis zu den Fußspitzen dick einreiben. Wir überlegen uns vorher Posen, die zu dem Motto passen. Einmal hatten wir einen österreichischen Filmemacher als Moormann mit Knieproblemen. Und die waren danach wie weggeblasen. Er war so begeistert, dass er mich bat, ob ich ihm nicht so einen Topf Moor mit zehn Litern per Post schicken könnte. Dann habe ich so einen Topf Moor besorgt und nach Linz geschickt.

Interview: Tom Fleckenstein

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