Der Kreis schließt sich für Peter Ludwig

von Redaktion

Interview Der Pianist gab das erste Konzert im „Le Pirate“ – Morgen tritt er auf Abschiedstournee dort auf

Rosenheim – Wie stellt man Peter Ludwig vor, den Pianisten, Komponisten zahlreicher Theater- und Filmmusiken, den Liedermacher, den Chansonnier, den Clown, Musiktherapeuten, Filmemacher, den Rockmusiker? 1951 in Bayern in ärmsten Verhältnissen geboren, wurde Peter vom Vater ins Internat als ältestes von fünf Kindern „aussortiert“. 1967 floh er aus dem Rosenheimer Ignaz-Günther-Gymnasium während des Physikunterrichts aus dem Fenster, seitdem freischaffend. Peter Ludwig ist einfach Peter Ludwig.

Mit einer ad hoc zusammengestellten Band eröffnete Ludwig vor über 50 Jahren die musikalische Geschichte der Rosenheimer Jazzbar „Le Pirate“. Seitdem zieht er durch die Welt, angezogen von den einmaligen Momenten auf den Straßen, in Cafés und Bars, inspiriert durch die Welt des Tango, des Fado, der Nächte von Paris und immer angetrieben vom Ruf seines Herzens, unermüdlich, abseits aller Schubladen. Dem „Pirate blieb Peter Ludwig immer treu, solo oder mit seinen legendären Formationen „Tango mortale“, „Trio Obscur“ oder „Tango a troi“. In seinem jüngsten Film „War’s das?“ und der Solotournee zieht Peter Ludwig Bilanz nach einem erfüllten Künstlerleben. Morgen, Mittwoch, spielt er wieder im „Le Pirate“.

Lieber Peter, Du bist den Rosenheimern ja besonders durch die Formationen bekannt, die den Tango Nuevo entwickelten und bekannt machten. In den Geschichten, mit denen Du Deine Konzerte immer begleitet hast, wird die tiefe Verehrung für die Kultur und Menschen Portugals, Lateinamerikas und Frankreichs deutlich. Gibt es frühe Erlebnisse, die den Grund für diese innige Verbundenheit gelegt haben?

Nein, ganz und gar nicht. Meine Mutter kam 1945 aus Schlesien nach Bayern. Weder die traditionelle Musik der Heimat meiner Eltern noch die meiner Wahlheimat Bayern und noch viel weniger die Unterhaltungsmusik der Nachkriegszeit haben irgendeinen Eindruck bei mir hinterlassen. Im Gegenteil: Ich konnte da nur mit Rebellion reagieren. Im Internat bin ich der klassischen Musik begegnet, habe da schon mit meiner Knabenstimme viel auf Konzerten gesungen. Aus diesen Welten musste ich aber ausbrechen. Meine ersten Bands waren progressive Rockbands. Mit „Spread Flame“ spielten wir zuerst in Clubs, aber schon bald auf vielen Festivals und in großen Hallen, bis sich unser Schlagzeuger das Leben nahm. Die Liebe zum Fado und Tango kam durch ausgiebige Reisen und die Konzerttätigkeit in diesen Ländern. Die Melancholie und die Innigkeit, mit der die Menschen dort mit ihrer Musik verwoben sind, hat mich tief berührt. Eine erste Konstante war die Cellistin Anja Lechner. Unsere Mütter waren befreundet. Anja und ich kannten uns seit wir zwölf waren. Anja fokussierte sich immer auf ihr Cellospiel und studierte sehr professionell. Ich war eher ein improvisatorischer, rebellischer Gegenpol. Im Tango Nuevo fanden wir beide eine sehr tiefgreifende Schnittmenge. Die Zusammenarbeit als „Tango Mortale“ hielt Jahrzehnte und führte uns auf die Bühnen der ganzen Welt.

Kannst Du bei der Vielzahl deiner Projekte weitere Schwerpunkte Deiner künstlerischen Arbeit erkennen?

In der Anfangszeit gab es zehn Jahre, in denen ich als Musiktherapeut mit Jugendlichen gearbeitet habe. Später bescherten mir die Erfolge als Komponist für Theater- und Filmmusik 20 Jahre lang Engagements auf vielen großen europäischen Bühnen mit Schwerpunkt Paris. Meine aktivste Zeit als Filmemacher war ohne Frage die Zeit nach der Corona-Pandemie. Aber alles lief immer nebeneinander. Mit dem Film „War’s das?“ hab ich mein künstlerisches Vermächtnis abgelegt. Dort kommen alle Facetten meines Lebens zu Wort.

Was hat Dich bewogen, nach einer längeren Pause wieder im „Le Pirate“ zu spielen?

Clubs wie das „Le Pirate“ gibt es in dieser Form in Deutschland eigentlich gar nicht mehr. Dabei braucht die Entwicklung jedes Künstlers solche Orte, die Freiheit, sich auszuprobieren, den so unglaublich unmittelbaren Kontakt zum Publikum. Es war mir eine Ehre, das „Le Pirate“ vor endlosen Jahren mit einem Konzert zu eröffnen. Seither spielte ich dort fast unzählige Male, mit all meinen Ensembles und als Solist. Jetzt ist es mir ein großes Anliegen, vielleicht zum letzten Mal im „Pirate“ aufzutreten. Und niemals habe ich mich so intensiv auf ein Konzert vorbereitet wie auf dieses. Auf meiner Abschieds-Tournee werde ich nur eigene Werke spielen. Den Zirkus, Lisboa, Kapverden, meine Tangos, Fantasien, aber nicht als Begleiter am Klavier, sondern als Solist. Und dies alles zum ersten Mal, denn die Klavierfassungen gab es bisher nicht. Ich habe sie mir für diese letzten Konzerte geschrieben. Ich hatte Lust auf eine neue Herausforderung. Das Fragezeichen deutet darauf hin, dass ich vielleicht nach meiner Abschieds-Tournee irgendwann dem Wunsch nachgeben könnte, doch wieder eine Bühne zu betreten. Bis dann, im „Le Pirate“.

Wolfgang Lentner

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