Rosenheim – Nach den Slowenen kam nun im zweiten Meisterkonzert der Saison das polnische Kammerorchester Radom. Sein Dirigent Jurek Dybal, temperamentvoll und mit allen dirigentischen Wassern herzhaft gewaschen, hatte heimatliche Komponisten im Gepäck. Nein, keinen Chopin, sondern Witold Lutoslawski und Grazyna Bacewicz, zwei Künstler, die nach dem Krieg ihre Karriere glanzvoll begannen. Import aus Finnland – nein, kein Sibelius, sondern der inzwischen 90-jährige Aulis Sallinen.
Aus Deutschland kam eine Koryphäe zu Wort, die den meisten Konzertbesuchern von seiner Filmmusik („Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“) bekannt sein dürfte, nämlich Enjott Schneider. Und schließlich krönte den Reigen der einzige Wiener Klassiker, Joseph Haydn, mit dem Cellokonzert C-Dur. Da hatte man nicht geknausert: Als Solist trat der viel umjubelte László Fenyö auf, der schon vor Jahren sich im Kuko ins Herz des Publikums gespielt hatte. Ein Jammer freilich, dass viele Besucher fernblieben. Haben sie ein Programm vermisst, das mit den bereits vertrauten Namen auftrumpft und wohlige Kulinarik garantiert? Immerhin waren die Anwesenden offenbar gefesselt und vorurteilslos aufgeschlossen für eine Musik, die wahrscheinlich nicht einmal auf Klassik-Radiosendern zu hören ist.
Bereits die „Ouvertüre“ von Witold Lutoslawski glich einem geistvollen Feuerwerk. Mit Verve und offensiver Spielfreude stürzten sich die Polen in die Musik, angefeuert vom Dirigenten, der seinen Leuten mit totalem Körpereinsatz regelrecht einheizte. Wohlgemerkt: Das Orchester agierte als reines Streicherensemble, umso erstaunlicher, welch vielfältige Klangfarben nicht nur der Dirigent, sondern auch der Komponist aus nur vier Saiten hervorzauberte!
Enjott Schneider hat sich 2010 vom „Hohelied“ der Bibel zu seinem Opus „Sulamith“ inspirieren lassen. Der Untertitel „Danses sacrées“ für Violoncello und Streicher deutet schon an, dass dem Komponisten nichts an abstrakter Klügelei liegt, sondern an einer Musik, „die eine Geschichte erzählt, die plastisch ist, einen Inhalt hat“.
Ja, auch eine Musik, die dem Ballett nahesteht: „Wende dich, Sulamith, damit ich dich sehen kann!“ László Fenyö als Solist sorgte für weitere differenzierte Klanglichkeit durch sein ebenso seidenweich zartes wie auch energisch zupackendes Spiel. Heftiger Beifall, in den Orchester, Solist und Komponist nachdrücklich eingeschlossen waren.
Auch Aulis Sallinens witzig-schmunzelnde und sarkastisch pointierte „Nächtliche Tänze des Don Juan-Quixote“ erzählen eine Geschichte. Und auch durch dieses Werk zieht sich das Solo-Cello László Fenyös wie ein roter Faden.
Dem Dirigenten oblag es, mit präzisen Schlägen die kantig-scharfgezackten Abbrüche akkurat zu realisieren. Dass Humor in neuerer Musik einen derart unmittelbaren Ausdruck findet, hätte man so nicht erwartet.
Grazina Bacewicz ist keine Quotenfrau, sondern eine bedeutende Musikerin mit weltweiter Ausstrahlung. Man mag ihr „Konzert für Streichorchester“ von 1948 im Bereich des Neobarock verorten. Doch das Genie dieser Komponistin sprengt diese stilistische Schublade bei weitem: Trotz schlüssiger, „klassizistischer“ Form sprüht alles übermütig, schlägt mitunter Purzelbäume und erfreut das Publikum durch wohlkalkulierte Kapriolen. Leider starb Grazina Bacewicz knapp 60-jährig. Sie hätte noch viel zu sagen gehabt.
„Bei Haydn können Sie sich dann erholen“, meinte Christoph Schlüren augenzwinkernd in seiner Einführung. Der anwesende Enjott Schneider konterte: „Haydn wird leider unterschätzt! Man muss nur genau hinhören.“ Dieses Hinhören wurde dem Publikum leicht gemacht, denn, so meinte Enjott Schneider, der den Proben beigewohnt hatte, „diese Polen haben den Haydn poliert!“
László Fenyö beim virtuosen Werk zu beobachten, war schiere Lust. Trotz wirbelnder Aktion war die Interpretation von gelöster Souveränität und Noblesse. Tosender Beifall, Cellist und Dirigent bekamen Pralinen überreicht, die spontan verteilt wurden. Ein herzlicher Abschied: Die Musiker und das Rosenheimer Publikum waren glücklich.