Bad Aibling – Eine überzeugende Hängung kennzeichnet die aktuelle Ausstellung im großen Raum des Feuerwehrgerätehauses, was an der Vielzahl gleichformatiger Bilder (115 mal 155 Zentimeter) liegen mag. Aber natürlich gibt es zur Auflockerung auch die kleinen, nicht weniger plakativen Gemälde. Der Künstler, Michael Gatzke, ist in Köln geboren, lebt und arbeitet aber bereits seit langem in Leverkusen. Seine intensive Beschäftigung mit der Kunst – mit der Malerei – hat lange geruht, denn eigentlich war Gatzke studierter Jurist und bis zu seinem 57. Lebensjahr als solcher tätig. Dann beschloss er, seinem Leben noch einmal eine andere Wendung zu geben: Er studierte Malerei an der Alanus-Hochschule in Bonn und schloss mit dem Bachelor of Fine Arts ab.
Seitdem haben Farbe und Pinsel die Aktenberge abgelöst. Damit wurde eine Fantasiebegabung freigesetzt, die zuvor keinen Platz in seinem Leben hatte. Denn fantasievoll sind seine Bilder und fordern ein enormes Einfühlungsvermögen von ihrem Betrachter.
Zunächst gestaltet Gatzke die Malgründe. Unter intensiver Verwendung von Farbe legt er seine Gemälde an, zieht seine Pinsel durch den pastosen Auftrag und schafft Spuren mit Höhen und Vertiefungen. Alle Farben kommen in den Bildern vor, sie liegen nebeneinander und überschneiden sich. Schließlich wird die gesamte Fläche mit Lack überzogen. Eigentlich könnten diese Farbkompositionen bereits fertige Bilder sein. Aber die Frage lautet ja: „Was heißt schon fertig?“
Der Künstler vollzieht den nächsten Schritt, den erzählenden: Er versieht seine Farblandschaften mit Personen, die meist in Gruppen zusammenstehen. Dazu schneidet er aus ausgewählten Büchern Menschen aus und setzt sie nach seinen Vorstellungen als Collage auf das Bild. So ergeben sich Szenen, in denen die Personen interagieren, oft in befremdlicher Weise. Warum kniet ein Mann mit rundem Hut und Ringelpullover vor zwei geistlichen Herren, die sich anteilnehmend zu ihm herunterneigen?
Männer im geistlichen Ornat kommen auf mehreren Bildern vor. Die Überlegung, ob dies von der katholischen Herkunft des Künstlers – geboren in Köln – herrührt, drängt sich auf, wird aber vom Künstler verneint. Ein ausdrucksstarkes Bild ist das von zwei blutüberströmten Buben, in deren Nähe ein weibliches Model kühl und unbeteiligt geradeaus blickt. Die Buben tragen eine Fantasieuniform, die Gedanken an Kindersoldaten assoziiert. Aber auch das bleibt offen.
Eine Gestalt kniet in verrenkter Haltung im Sand, eine weitere neben ihr ist von Kopf bis Fuß verhüllt in gefältetem Gewand. Surreal sind die Darstellungen von Gatzke, stoßen aber Gedanken an neue Erlebnisräume an, in denen man sich dem Unvorhersehbaren gegenüber sieht. Und dann die Titel!
Jedes Bild ist mit einem Titel versehen, der aber eher verschleiert als erklärt. Zahllose Ausstellungen im In- und Ausland begleiten Gatzkes künstlerischen Weg. Ute Bößwetter