Grassau – Heute weiß keiner mehr so genau, wer das Motto vorgeschlagen hatte, doch die fünf Jury-Mitglieder diskutierten vor einem Jahr ihre diversen Vorschläge gewohnt professionell und waren sich bald einig: „Sag nichts!“ sollte es diesmal lauten. Diese launig hintersinnige Schreib-Anregung würde Autoren sicher wieder zu vielen guten Kurzgeschichten inspirieren, das ist man beim Literaturwettbewerb „Grassauer Deichelbohrer“ seit Jahren gewohnt. Und selbst wenn sich das Motto als zu leichtgewichtig herausstellen sollte, oder sogar wörtlich genommen werden könnte, ein paar hundert Geschichten würden es schon wieder werden. Es kam dann aber alles anders.
Wettbewerb findet
alle zwei Jahre statt
Der Rat der Marktgemeinde Grassau, kulturell aufgeschlossen wie man ihn kennt, hatte 2019 die Idee eines Literaturpreises einstimmig für gut befunden. Alle zwei Jahre wird der „Deichelbohrer“ seitdem verliehen, denn schon beim ersten Mal erreichten rund 500 Einsendungen die Gemeindeverwaltung. Aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz kamen die Kurzgeschichten, und die Preisverleihung in der Villa Sawallisch wurde im Landkreis rasch zum kulturellen Frühlings-Event.
Jury und Macher des Wettbewerbs hatten bald registriert, dass die Literaturszene ihren Preis als seriös einschätzte, doch dass nun auch die sozialen Medien den Preis mit dem seltsamen Namen entdeckt hatten, damit hatten sie nicht gerechnet. Sie mussten kräftig dazulernen, denn zum Jubiläums-„Deichelbohrer“ hat sie ein nicht geahnter Literatur-Tsunami von sage und schreibe 1.040 eingereichten Kurzgeschichten kalt erwischt. Keine Geschichte war zwar länger als vier bis fünf Seiten, doch beim Lesen dieser Masse an Schreiblust, Fantasie und oft auch unbegründetem Autoren-Ehrgeiz ist ihnen warm geworden. Ein paar heiße Diskussionen gab es auch, denn man muss wissen, dass jedes Jury-Mitglied alle Geschichten zu lesen hatte, was auch für trainierte Leser und erfahrene Buchmenschen eine echte Herausforderung war. Das galt auch für die Gemeindeverwaltung, wo in den Tagen kurz vor dem Einsendeschluss die Poststapel täglich um Meter wuchsen. Als dann endlich die letzte Geschichte gelesen war, zeigten sich doch alle Beteiligten stolz auf ihren Preis und froh über die gelungene Auswahl der preiswürdigen Geschichten.
Zu hören sind diese Geschichten dann am Samstag, 20. Juni, bei der Preisverleihung, öffentlich und live. Bekanntlich lesen Autoren ihre eigenen Geschichten nur selten gerne vor, deshalb übernimmt eine Profi-Sprecherin diesen wichtigen Teil des Festprogramms, über dessen Details rechtzeitig auf der Website www.grassau.de/literaturpreis informiert wird.
Die besten Geschichten
in einer Anthologie
Wie immer erscheint am Tag der Preisverleihung eine Anthologie, in der die sechs prämierten Geschichten veröffentlicht werden, zusammen mit interessanten Informationen über Autoren, Jury, die Villa Sawallisch und warum der „Deichelbohrer“ so heißt wie er heißt. Wen die Neugier schon vorher plagt, kann sich auf der genannten Website die Anthologie aus dem Jahr 2024 als PDF herunterladen. Bis zur nächsten Ausschreibung wollen Jury und Gemeinde darüber nachdenken, wie sich künftige Literatur-Tsunamis eindämmen lassen, doch vorerst überwiegt noch der Stolz auf das sensationelle Echo ihres Jubiläums-„Deichelbohrers“. Auch wenn sein Motto „Sag nichts!“ so eklatant vielseitig gedeutet wurde.