Rimsting – Einen „altbayerischen Abend“ hatte der Regisseur der Laienbühne Rimsting, Raimund Feichtner, versprochen mit dem Bauernschwank „Erster Klasse“ von Ludwig Thoma. Dieser spielt im Abteil eines Eilzuges auf der Fahrt von Mitterdingharting über Oberdingharting, Hinterdingharting und Trudering zum Münchner Ostbahnhof. Mit liebevoller Genauigkeit haben die Rimstinger dieses Zugabteil auf die Bühne gebaut, rot ausgeschlagen, mit Schiebefenster, Türe nach außen, Sitzen und Gepäckablagen.
Zum Einstieg Lesung
aus den Filser-Briefen
Aber vor den Beginn hatte Feichtner eine Ein- und Hinführung geschaltet: Er stellte den fiktiven Landtagsabgeordneten Josef Filser vor, einen bauernschlauen Bazi, der viele Briefe aus München an seine Frau Marie schreibt, die Thoma als Buch herausgegeben hat. Dann setzte er sich zusammen mit Gertraud Hauer vor den geschlossenen Vorhang und las mit ihr daraus an zwei entgegenstehenden Pulten – akustisch besser wäre gewesen, hin zum Publikum, statt gegenüber. Beide hatten den perfekten Tonfall eines bäuerlichen Bauernpaars, das sich um den schriftdeutschen Tonfall bemüht.
Filser erzählt von den angeblichen Mühen des Regierens, Marie nur davon, dass er zu wenig Geld mit heimbringt. Eine lange Passage gehört dem Rezept gegen einen Kropf der Pfarrersköchin: Filser empfiehlt den Katzendreck einer weißen Katze, den ein keuscher Jüngling ihr auf den Nabel streichen sollte. Das zu geringe Kostgeld und diese „unkeische“ Rezeptausführung bringen Marie zum schriftlichen Keifen.
Das ehefrauliche Keifen kehrt im Schwank dann wieder: Marie fordert energisch mehr Geld von ihm, als Filser in den Zug steigt. Dieses Keifen, das sich immer mehr entfernt, die Zuggeräusche, der Gesang von einsteigenden Rekruten und das unwillige Brüllen eines Ochsen, der in den Zug geladen wird, kommt lautgetreu auf die Bühne. Ganz zeitgetreu sind auch die Kostüme und Frisuren vom „Es-ist-erreicht“-Schnurrbart des Preußen bis zum Backenbart des Zugführers. Dieser liebevolle Realismus ist grundlegender Teil für den Erfolg des „altbayerischen Abends“.
Anfangs sitzen nur „Preußen“ im Zugabteil: Kilian Schlemer und Veronika Kunsler als das dauerturtelnde Ehepaar von Kleewitz auf Hochzeitsreise sind ein hübsches Pärchen und absolvieren ihren wortarmen Part mit adrettem Anstand. Dafür ist der Kaufmann Stüve aus Neuruppin, der sich über die Langsamkeit des „Eilzuges“ aufregt und seinen Kunstdünger verkaufen will, wesentlich redseliger, wie es dem Preußen-Klischee entspricht. Andreas Feichtner hat die schwierige Aufgabe, als Bayer norddeutsch zu sprechen. Auch wenn er nicht das norddeutsche Rachen-„R“ hat, sondern das süddeutsche rollende „R“, hat er die nimmermüde Suada des Preußen gut im Griff. Dann sitzt noch der Ministerialrat von Scheibler aus Unterfranken im Abteil (ganz rollengerecht: Franz Feichtner).
Leben ins Abteil kommt, wenn die bauernschlauen Bayern kommen: zuerst Josef Filser, der den anderen erzählt, wie er seine Kuh gut verkauft hat, indem er – wie auch immer – das Euter vergrößert hat, um eine gute Milchleistung vorzutäuschen. Und dann sein Freund Sylvester Gsottmaier, der sich in München verantworten muss, weil in seiner Milch Wasser gefunden worden ist: ein Millipantscher und ein Eutervergrößerer also. Die beiden haben die größte Gaudi, was Stüve höchst entzückt, obwohl er nichts versteht, und was den Ministerialrat empört, weil beides ungesetzlich ist.
Kracherter
Humor
Andreas Wörndl gibt den Filser anfangs als eher zurückhaltend plaudernden Parade-Bayern im Trachtenanzug, bis Wolfgang Schlemer als breitspurig auftretender Gsottmaier in Dachauer Tracht mit vielen Lachsalven auftrumpft und beide sich gegenseitig krachend-humorig anfeuern. Wenn die Premierennervosität vorbei sein wird, werden beide sicher ihre Pointen rhetorisch nachdrücklicher setzen und wird Andreas Feichtner seinen langen Kunstdüngerwerbemonolog im Tempo feiner modulieren. Lustig ist dieser bayerische Klassiker allemal.