Grassau – Im Rahmen der Streichquartett-Reihe sawallisch4strings gastierte das Sawa-Quartett Tokio, eines der renommiertesten Streichquartett-Formationen Japans, in der Villa Sawallisch. Und so kam es auf dem grünen Hügel Grassaus zum deutsch-japanischen Austausch. Kazuki Sawa (Violine), Hiroaki Oseki (Violine), Toshihiko Ichitsubo (Viola), und Toshiaki Hayashi (Violoncello) gaben unter dem Titel „… in wachsenden Ringen“ Beethoven, Dvorak und Mozart zum Besten.
Im Programm abgedruckt war das Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem es heißt: „und ich weiß noch nicht: Bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang“. Trefflicher hätte man das Konzertprogramm nicht umschrieben können, vertonten die Werke doch genau dieses Suchen, dieses Herantasten, dieses In-die-Welt-Drängen. Und dem Sawa-Quartett gelang es, all dies meisterlich zu interpretieren. Den Auftakt machte Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr. 11, op. 95, auch bekannt unter dem Namen Serioso. Energisches, leidenschaftliches Spiel wechselte sich mit inniglichem Spiel, mit feiner Artikulation und zarten Kantilenen ab, gewollte Sprödigkeit mit heiterer Gelöstheit. Wunderbar war dieses Rilkesche Streben im Allegretto ma non troppo auszumachen, dicht, expressiv, später anmutig, ruhig. Genau wie im Finalsatz, bei dem das Quartett sicht- und hörbar das Larghetto espressivo auslebte, ehe es virtuos zum rhythmisch herausfordernden Allegretto agitato umschwenkte. Der abrupt gesetzte, fröhlich gestimmte Schlussakkord setzte das i-Tüpfelchen.
Ganz anders dann das Streichquartett F-Dur op. 96 von Antonin Dvorák, das – man verzeihe der Rezensentin den kühnen Vergleich – thematisch der Symphonie „aus der neuen Welt“ ähnelt. Und doch „zeichnete“ das Sawa-Quartett große Bilder, großen Gesang. Wer die Augen schloss, hörte Vögel zwitschern, meinte, einen Frühlingsmorgen zu erleben, erkannte Rhythmen und Klangfarben der slawischen Musik und sah doch im „Finale: Vivace ma non troppo“ die unendliche Weite der amerikanischen Prärien vor sich. Nie vordergründig oder laut, stets transparent und lebendig, die lyrischen Momente zum Leuchten bringend, das Zuhören war wahrlich ein großes Vergnügen.
Das Streichquintett Nr 4 in g-Moll, KV 516, von Wolfgang Amadeus Mozart stimmte das Publikum schließlich wieder auf das sehnende Drängen, ganz im Rilkeschen Sinne, ein. Im Zusammenspiel mit Gast-Bratschistin Natsuko Ichitsubo gelang erneut ein sensibles Zusammenspiel, bei dem die Musizierenden untereinander spielten und doch das Publikum miteinschlossen. Seien es abbrechende Melodien, modern wirkende Harmonien, dramatische Taktwechsel, plötzliche Akzente, oder hier ein crescendo und da ein decrescendo.
Das Quintett gestaltete seinen Mozart geschlossen und vielstimmig gleichermaßen. Das Adagio zart und sanglich, quasi gedämpft, friedlich, anmutig, schwebend, melancholisch, setzte sich im Finalsatz anmutig fort. Doch nach einem kurzen Verschnaufer, ein Kopfnicken von Sawa, ging es weiter mit verspielter und unerwarteter Leichtigkeit. Mozart pur eben. Oder doch Rilkesche „wachsende Ringe“? Das Andante aus Mozarts Streichquintett in c-Moll, KV 406 war charmante Zugabe. Eine Serenade zum Abschied, eine kleine poetische (Nacht-) Kammermusik. Elisabeth Kirchner