Der weibliche Blick

von Redaktion

Fotografien aus der Sammlung Spallart in der Galerie im Alten Rathaus in Prien

Prien – Gibt es den weiblichen Blick? Die Ausstellung „Not nice girls“ in der Galerie im Alten Rathaus widmet sich der Kunst der Fotografie. Kuratorin Ute Gladigau hat 220 fotografische Werke von 70 Künstlerinnen und 46 Künstlern aus der über 2.700 Fotos umfassenden privaten Sammlung von Andra Spallart in den Depoträumen in Salzburg ausgewählt, stellt sie nebeneinander und lässt sie in einen spannungsvollen Dialog treten.

Historisches
und Zeitgenössisches

Die Fotografien reichen von den frühen Pionierinnen der Fotografie bis hin zu zeitgenössischen Positionen und machen sichtbar, wie Fotografinnen trotz historischer, gesellschaftlicher und beruflicher Hürden die Fotografie geprägt haben. Insofern passt der vielsagende Titel „Not nice girls“, den einst die amerikanische Fotografin Berenice Abbott (1898 bis 1991) geprägt hat. Abbott, die mit dem Projekt „Changing New York“ das sich rasant verändernde New York in den 1930er-Jahren fotografisch festhielt, entgegnete dem gut gemeinten Rat eines Kollegen „Nice Girls don’t go down the Bowery“ selbstbewusst: „I’m not a nice girl. I’m a photographer. I go anywhere.“

Gibt es den weiblichen Blick? Zwei Fotos von Tänzerinnen, das eine von Hannes Kilian (1909 bis 1999), das andere von Inge Morath (1923 bis 2002). Es ist schwer auszumachen, wer welches Bild gemacht hat. Bei beiden greifen Tradition und Moderne ineinander, halten den Moment der Bewegung fest. Ähnlich schwer tut man sich bei zwei Naturaufnahmen. Da ist das Schilf vor Gewässer im Sonnenlicht von Alfred Pfau in den 1930er-Jahren aufgenommen, und da ist eine surrealistisch anmutende Kirschblütenszenerie über einem Gewässer von Sandra Kantanen, Jahrgang 1974. Einfühlsam sind beide Bilder gleichermaßen.

Berenice Abbotts „Pingbank Barber Shop“ ist Chronik und Anachronismus zugleich: In einem Schaufenster eines der ältesten Friseurläden New Yorks mit Rasiertassen spiegeln sich die gegenüberliegende moderne Hausfassade und ein Pferdegespann. Vivian Meier (1926 bis 2009) macht sich mit einem Selbstporträt in einem Spiegel sichtbar, während angehende Kosmetikerinnen in einem Kosmetiksalon von Helena Rubinstein vor Einzelspiegeln sitzen (von Inge Morath in den 1950er-Jahren fotografisch festgehalten).

Ein anderer Teil der Ausstellung konfrontiert den Betrachter mit menschlichen Schicksalen und dem wahren Leben. Berührend sind die Porträts libanesischer Kinder von Anne Kaiser, und das Antlitz des jungen Mannes aus dem Senegal, „Malik“ von Caroline Gavazzi (Jahrgang 1971) möchte man mit dem Finger nachzeichnen, wäre da nicht der Fingerabdruck über dessen Gesicht.

„Tragende Schönheit“ ist eine Eisenbahnbrücke von Margarete Bourke White (1904 bis 1971), ist ein moderner Sakralbau (Kloster und Stein/Krems, von Margherita Spiluttini, 1947 bis 2003) oder sind Schuhe, die in einem Pariser Schaufenster ausgestellt sind von Sabine Weiss (1924 bis 2021). „Poesie der Natur,“ das kann eine uralte Birke sein, bei der Barbara Morgan (1900 bis 1992) mit Gelatinesilberabzug die Knorrigkeit des alten Baumes herausarbeitet, oder auch „Wild im Schneegestöber,“ von Nomi Baumgartl (Jahrgang 1950) mit pigmentbasiertem Tintenstrahldruck bearbeitet.

Wie man Zeit und Bewegung einfängt, kann man bei Rita Päiväläinens (Jahrgang 1969) „Camouflage“ (ein zerfledderter Mantel im nackten Gestrüpp an einem Seeufer) oder bei Charlotte Rudolphs (1896 bis 1983) Abbild der Modern-Dance-Tänzerin Palucca ausmachen.

In den Räumen von „I have a story to tell“ muss man erst mal schlucken: Valerie Loudons (Jahrgang 1976) Aufnahmen von Nachttischen, in einem Mehrbettzimmer eines Altersheimes fotografiert, sprechen für sich. Da ist der beinahe klinisch saubere Nachttisch, auf dem anderen tummeln sich Nippes neben Radio und Wecker und ein anderer ist geschmückt mit Blumen und Familienfotos.

„Wer bist du“ heißt ein anderer Teil der Ausstellung, der Porträts zeigt. Für ihr Porträt mussten „May Hiller and children“ wohl viel Geduld mitbringen, bis Julia Margaret Cameron (1815 bis 1879) das Bild auf Glasplatte gebannt hatte. Agnes Prammer (Jahrgang 1984) spielt über 120 Jahre später ebenfalls mit der Belichtungszeit bei den „Four boys,“ während Nan Goldin (Jahrgang 1953) auf einfühlsame, beinahe intime Momente mit Cibachrome setzt. Ihren kleinen „Bruno with his tattoo“ möchte man am liebsten in den Arm nehmen.

Unterschiedlichste Techniken, verschiedenste Genres, von präzisen Beobachtungen wissenschaftlicher Prozesse, über die Porträtfotografie, Mode und Werbung, die Landschafts- und Dokumentarfotografie und experimentelle Kunstfotografie bis hin zur Dokumentation von weltweiten Krisen und Kriegsverbrechen – die Ausstellung Spallart spiegelt die Vielfältigkeit und das Selbstbewusstsein der Künstlerinnen wider.

Aber noch einmal zurück zur Ausgangsfrage: Gibt es den weiblichen Blick? Man sollte sich selbst ein Bild machen. Es ist eine Einladung, gerade in Zeiten der schnelllebigen Selfie-Fotografie-Kultur, sich auf jedes einzelne Kunstwerk einzulassen. Denn jedes Foto erzählt seine eigene Geschichte.

Bis 12. April

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