Burghausen – Sich einer Legende des Jazz zu nähern und deren Meilensteine neu zu interpretieren, ist eine Aufgabe mit großem Potenzial, aber auch vielen Fallstricken. „Blue Moods: Miles in a Golden Hour“ hat Trompeter Theo Croker seine Reminiszenz an Miles Davis überschrieben und diese Herausforderung nicht nur gemeistert, sondern einen Glanzpunkt beim Konzert in der Wackerhalle bei der 55. Jazzwoche Burghausen gesetzt. Sein rauchiger Trompetenton verschmilzt mit zarten Melodiephrasen zu klanglichen Bildern, der vertrauten Kühle der Aufnahmen des Großmeisters, der heuer seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Zusammen mit seiner Band versetzte Croker das Publikum in einen Zustand der aktuellen Begeisterung, verschmolzen mit dem Gefühl von aufsteigenden Erinnerungsblasen an Aufnahmen von Miles Davis selbst.
Aufsteigende
Erinnerungsblasen
Emilio Modesto am Tenorsaxofon schnappte sich die Melodiephrasen von „So what“ und legte sie kraftvoll in den Zuschauerraum, unaufdringlich, aber mit großer Intensität. Super entspannt begleitet von Tyler Bullock am Piano, Eric Wheeler am Bass, und Koleby Royston am Schlagzeug, die auch ihrerseits die solistischen Übergänge und Melodieparts in die Wackerhalle zauberten. Die latenten Aggressionen, die zur Energie von Miles Davis maßgeblich beitrugen, transportierte Keita Kydi Mosiah am Altsaxofon ins 21. Jahrhundert mit energischen Soloparts in „If I were a bell“. Gegen Ende des Konzertes begeisterten die jungen Musiker mit zartem Zusammenspiel bei „Seven steps to heaven“ und spätestens bei „Round midnight“ werden wohl viele Zuhörer den Beschluss gefasst haben, den Aufnahmen von Miles Davis zu Hause zu lauschen, diesmal mit den neuen Eindrücken der inspirierenden Interpretationen von Theo Croker & Band.
Mit einer „All Star Celebration“ feierte Drummer Wolfgang Haffner nicht nur seinen kürzlichen 60. Geburtstag, sondern auch seine 40 Jahre in Burghausen bei der Jazzwoche. In vielen Auftritten mit unterschiedlichsten Gruppierungen trat Haffner auf und begeisterte die Zuhörer mit innovativen Schlagzeugspiel und seiner großen Varianz an Perkussionsinstrumenten. Davon hatte er auch dieses Jahr wieder einige im Gepäck und wechselte von Schlitztrommel zu Cajon und auch zu rhythmischen Plastikhämmern. Sein bewährtes Trio mit Simon Oslender am Piano und Thomas Stieger am E-Bass führte das Publikum souverän zum Gastauftritt von Viktoria Tolstoi, die mit ihrer klaren, konkreten Stimme eine Jazzclub-Atmosphäre schuf und auf ein kurzweiliges Konzert einstimmte. Als Überraschungsgast präsentierte Haffner den Saxofonisten Jakob Manz, der mit jugendlicher Energie das Trio perfekt ergänzte und sein Potenzial auf die Bühne brachte, dass in den nächsten Jahren noch von sich hören machen wird. Ein weiterer Freund und Weggefährte ist der Balkan-Pop-Sänger Shantel, der mit „Disko Partisani“ bekannt wurde. Dieser Ausflug in den Pop mit Shantel geriet aber zu weit weg von Erwartungen und auch dem Anspruch an eine Jazzwoche. Der monotone Beat und die losen Syntheziser-Spuren lösten bei vielen Zuhörern Unverständnis und Unmut aus, sodass es sogar zu Buh-Rufen kam. Vor allem geriet dieser Teil zu lange, da Haffner noch einen weiteren Künstler eingeladen hatte, auf den viele Zuhörer warteten.
Warten auf
Nils Landgren
Als Nils Landgren die Bühne betrat und seinen samtweichen Posaunenton intonierte, bog das Konzert wieder in die künstlerisch hochwertige Spur ein und bescherte dem Abend einen würdigen Abschluss.
Am Ende hätte man sich noch mehr gemeinsame Stücke von Viktoria Tolstoi und Nils Landgren gewünscht, wenn diese zwei Ausnahmekünstler schon einmal auf einer Bühne vereint sind.
Mit einer Interpretation von „50 Ways To Leave Your Lover“ schloss Wolfgang Haffner sein Jubilee Konzert in der Wackerhalle, bei dem das Feingefühl und die Ausgewogenheit leider etwas gefehlt haben.