Kalkül, Intuition und Fantasie

von Redaktion

Dieter Lallinger spielt ersten Teil von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“

Rosenheim – Frühlingserwachen, wärmende Sonne, fröhliches Treiben in der sonntäglichen Innenstadt, sämtliche Stühle der Straßencafés besetzt – und da wagt es Dieter Lallinger, das Publikum für eine Matinee mit den 24 Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers zu ködern.

Als renommierter Pianist, aus Rosenheim stammend und lange als Professor in Berlin wirkend, konnte er sowohl auf eine Fan-Gemeinde bauen, wie auch darauf, dass für viele Musikfreunde mit Bach im Programm nichts „schiefgehen“ konnte. Der Hans-Fischer-Saal im Künstlerhof war wider Befürchtung gut gefüllt. Also Vorhang auf! Bach hatte für alle zwölf Tonarten – Dur wie Moll, je ein Präludium mit Fuge komponiert.

Das könnte schrecklich pedantisch und somit ermüdend werden. Bach aber geht wie immer in die Vollen, und so entsteht unter seiner Feder eine zündende und prickelnde Musik. Dieter Lallinger nimmt diese Herausforderung an und stürzt sich mit Temperament, aber gebotener Selbstkontrolle, also mit Kalkül, Intuition und Fantasie in die glasklar strukturierten, farbig leuchtenden Triller und Läufe. Die „gelehrten“ Kompositionen entfalteten sich durch des Pianisten Kunst zu durchaus unterhaltsam-spielfreudigen Preziosen. Apropos „farbig“: Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn manche Tonarten suggerieren uns regelrecht Farben. So könnte man die scheinbar schulmeisterliche Reihung der Stücke auch als eine Reise durch blühende Gärten empfinden!

Diese Blütenpracht beginnt schon mit dem berühmten Präludium in C-Dur, über dessen strahlend gelben und ins Weißliche sich steigernden Harmonien einst Charles Gounod sein „Ave Maria“ gestülpt hatte. Und dann meint man im rauschenden Cis-Dur (Nr. 3) Tulpenfelder an sich vorüberziehen zu sehen, Tulpen in allen möglichen Rottönen. Übertrieben? Wir wollen natürlich keine dogmatische Farbenlehre entwickeln. Nur noch die Nr. 15 in G-Dur: Da leuchten und schwanken im stürmischen Wind die blauen Glockenblumen. Zugegeben, das sind keine wissenschaftlichen Thesen. Dieter Lallinger wollte kein Seminar abhalten („unter besonderer Berücksichtigung von Bachs Wohltemperiertem Klavier“), sondern durch das lückenlose Spiel sämtlicher Präludien und Fugen die Profilierung der einzelnen Stücke, ihre Individualität nachvollziehbar machen.

Das persönliche Profil entsteht natürlich auch durch Rhythmus. Dieser spielt dann gerade bei den Fugen eine formgebende Rolle, und Bach hat seine ganze Kunstfertigkeit aufgeboten, um diese handwerkliche Virtuosität zu vertuschen: Der Hörer nimmt beglückt wahr, wie das Thema kanonartig plötzlich tiefer oder höher erklingt. Mehr muss man nicht wissen, Zuhören ist alles! Trotzdem war man für eine kleine Pause nach Nr. 12 (braungetöntes f-Moll!) dankbar.

Präludium Nr. 21 in B-Dur fasziniert durch seine rauschenden Zweiunddreißigstel-Noten. Hier ist das Cembalo noch durchzuhören. Aber schon Friedrich Gulda hat bewiesen, dass der moderne Flügel mehr an Differenzierung hergibt. Und das letzte „Pärchen“ in h-Moll war dann ein würdiger, tief verinnerlichter Schluss: Dieter Lallinger wies auf den engen Zusammenhang mit Bachs h-Moll-Messe hin. Im Fugenthema seien außerdem alle zwölf Töne untergebracht. Bach ist also nicht nur ein ewig junger Komponist, der Ende März gerade wieder seinen Geburtstag feiert, sondern auch ein wirklicher Visionär…

Übrigens hat Bach noch ein Wohltemperiertes Klavier Nr. 2 nachgereicht, das gleiche also noch mal, dennoch ganz anders! Dieter Lallinger interpretiert diesen zweiten Teil in der Matinee am Palmsonntag wieder als Benefizkonzert für die Musikschule.

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