Passionskonzert als inszeniertes Drama

von Redaktion

Capella vocale singt in Prien die „Johannespassion“ von Heinrich Schütz

Prien – Bartholomäus Prankl wollte mit seiner Capella Vocale Prien die „Johannespassion“ von Heinrich Schütz nicht einfach nur singen, sondern sie mit anderen Werken anreichern und für den Passionssonntag inszenieren. Zu Beginn sang der Chor von außen den gregorianischen Karfreitags-Hymnus „Crux fidelis“ und zog dann weitersingend in die Kirche bis vorne hin zum Altarraum, abwechselnd mit Vorsängern aus allen Stimmlagen und kraftvoll-gläubig singend. Gleich darauf kam, gleichfalls kraftvoll, die Motette „Richte mich, Gott“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Schön war der Wechsel der markigen Männer- mit den flehentlichen Frauenstimmen, schön war das lichtvolle Aufstrahlen des Chorklangs bei „Sende dein Licht!“ und wohlig waren die satten Septakkorde, die sich häufen, wenn der Psalmist mit der Harfe Gott dankt.

Prankl setzt bei seinem Chor voll auf kernigen Vollklang mit genauer Absprache der Konsonanten. Das ergibt in Summe eine blockhaft siegessichere Glaubensgewissheit.

Zwischen die nächsten Programmpunkte waren Worte des Pfarrers Philipp Werner gesetzt, der von der Kanzel herab betonte, dass die Fastenzeit eine Bußzeit sei. Er sinnierte über den Begriff „Sünde“ und versuchte, dem Leiden am Beispiel Jesu einen Sinn zu geben. So war man reuig gestimmt für den berühmten Bußpsalm „Miserere“ von Gregorio Allegri, der nur im Petersdom zu Rom gesungen werden durfte. Der in allen Stimmlagen gut besetzte Chor sang ihn vorschriftsmäßig mit Plenum, Vorsänger und Solistenquartett, das sich hoch oben auf der Empore platziert hatte. Von dort aus schraubte sich der erste Sopran (Jenavieve Moore-Steiner) sehnsüchtig flehend hinauf bis zum dreigestrichenen „c“: ein überwältigender die Kirche überwölbender Raumklang, gleichsam zum Himmel hinauf und dann wieder nieder auf die Erde kommend.

Prankl wollte die Johannespassion nicht unbedingt empfindsam leidend machen, wie es der Anfangs- und Schlusschor nahelegen, sondern dramatisch. So ließ er die Turba-Chöre mit ihrer „bedrängenden Dämonie“ – so Werner Oehlmann in seinem „Reclams Chormusik- und Oratorienführer“ – rhythmisch gespannt und recht aufgeheizt singen – auch wenn’s mit noch mehr Konsonantenknallen noch aufgeheizter würde. Aber genügend höhnisch grüßen die Sänger den „lieben Judenkönig“, schreien Pilatus förmlich befehlend an, er solle doch endlich Jesus kreuzigen, und die Hohenpriester hämmern es Pilatus geradezu ein, dass sie „keinen, keinen, keinen König denn den Kaiser haben“ und wollen aufgeregt durcheinander singend Pilatus vorschreiben, was auf dem Kreuz stehen solle.

Auch der Evangelist erzählt von der Kanzel herab: Kilian Brandscherdt, ein ehemaliger Regensburger Domspatz, berichtet mit angenehm timbriertem und geschmeidigem Tenor und ausnehmend gut artikulierend. Dies durchaus dramatisch alles miterlebend, manchmal direkt erregt, aber auch mit deutlichen Nach-Denk-Pausen: Er weiß, was er singt.

Doch im Zentrum dieser Passion steht die Auseinandersetzung zwischen Christus und Pilatus – wobei diesmal Pilatus den gewichtigeren Anteil hatte. Thomas Hamberger ist ein mild-abgeklärter, manchmal majestätischer, aber dann fast resignierender Christus. Maximilian Niebler, auch er ein ehemaliger Domspatz, der auch die Rolle des feigen Petrus übernahm, hat für seinen durchdringend-metallenen Tenor vielerlei Ausdrucksfacetten: mal verlogen, mal scharf fordernd, dann wieder höhnisch oder auch unwillig-genervt, aber auch philosophisch nachsinnend und sogar mittels Kopfstimme erstaunt fragend: „Von woher bist du?“ Also: was bist du nur für ein Mensch? Oder doch Gott?

Nach dem Schlusschor, der über die Leiden Jesu reflektiert, begannen die Glocken zu läuten und die Sänger verließen still die Kirche: Nach dieser dramatischen Passion war diese Stille umso dramatischer. Rainer W. Janka

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